ÜBER WU CHENGÉN
„DIE REISE NACH WESTEN“

Der Beitrag über Die Reise nach Westen¹ war Teil meiner Präsentation im Literatur-Café des Christianeums am 27.03.2014.

¹Eine Freundin von mir sagte mir, das war Maos Lieblingsbuch, deswegen hatte ich es nicht ausgesucht.

Orte:

Hamburg-Othmarschen

Nalanda

Manhattan.

Empfohlenes Kinderbuch:

Jeff Kinney, Gregs Tagebuch: Von Idioten umzingelt. Unbedingt lesen, auch für Erwachsene geeignet!

Wu Cheng´en lebte von etwa 1500 bis 1582 während der Ming Dynastie. Er studierte über 10 Jahre an der Universität Nanjing.
Reise nach Westen basiert auf der Reise des Mönchs Xuanzang 629-645 während der Tang-Dynastie über die westliche Bergregion Xinjiangs und entlang der Seidenstrasse nach Indien, um den Buddhismus zu studieren. Nach seiner Rückkehr übersetzte er heilige sanskritische Texte und schrieb seine Reisebeschreibung.
Die Reise nach Westen wurde in mehreren Versionen ins Deutsche übersetzt. (Quellen: Wikipedia Wu Cheng´en, Reise nach Westen, Xuanzang)

Über Die Reise nach Westen, Band 1

An Dongsheng lag Aolai. Zu deren Westen war der Berg der Blumen und der Früchte. Aus einem prächtigen Stein wird ein lebendiger Affe geboren. Seine erste Mutprobe besteht er mit Bravour, in dem er über den Wasserfall springt und hinter dem Vorhang eine bewohnbare Höhle findet. Er wird zum Affenkönig gekrönt und ist eine Weile glücklich. Nur die Sorge um das Älterwerden und Sterben trübt sein Wohlbefinden. Ein Stammesälterer rät ihm, bei einer Gottheit in Ausbildung zu gehen, um unsterblich zu werden. So bricht er mit einem Floß auf, bereist die Welt, überquert zwei Ozeane und den südlichen Erdteil, kleidet sich wie die Menschen, lernt sich wie sie zu benehmen.
Beim Meister Putz bekommt er den Namen Wukong (Vorname) Sun (Familienname). Doch er erfährt, dass die 300 Kultivierungsschulen zur Vervollkommnung, nicht zur Unsterblichkeit führen. Seine hartnäckige Weigerung, ohne Ewigkeits-Versprechen weiter lernen zu wollen, sein Widerspruchsgeist, sein Fleiß, seine schnelle Auffassungsgabe, seine Wissbegierde erzürnen die anderen Schüler. Er beherrscht bald Sprachen, die Kampfkunst, das Arbeiten, geheime Formeln und das Fliegen. Der Meister verbannt ihn aus der Schule, als er seine Fähigkeiten zur Schau stellt.
Bei seiner Rückkehr zu seinem Volk findet er Verwüstung vor und will sich an dem zerstörenden Dämon rächen. Durch Einsatz des bereits Gelernten verwirrt er den Dämonenkönig und gewinnt das Duell. Wukong Sun gibt dem Affenvolk seinen Familiennamen; sie bauen Speere und üben Werfen mit ihnen.
Alles ist gut, bis der Affenkönig sich Sorgen darüber macht, dass die Menschen von den Affen bedroht fühlen und die Affen angreifen könnten, dann bräuchten Affen mächtigere Waffen als Speere. Er fliegt aus dem Grund nach Aolai und raubt mit Hilfe eines Zauberspruchs das Arsenal aus.
Als nächstes ist ihm sein Säbel zu leicht. Wie auch in der Vergangenheit dem Rat eines Älteren beherzigend macht er sich zum Drachenpalast auf, das unter Wasser liegt. Er bemächtigt sich unter Androhung von Folter und Tod des Zaubereisens und zieht den Unmut der Drachenkönige aller Himmelsrichtungen auf sich. Sie wollen Klage beim Himmel einreichen.

Dann wird Wukong Sun ins Land der Finsternis entführt und verlangt Aufklärung. Es muss ein Irrtum vorliegen, denn er sei der Unsterbliche aus der Höhle des Wasservorhangs. Er fordert die Register der Lebenden und Toten zu sehen, dort entdeckt er seinen Namen und pinselt ihn und die Namen seines Volkes weg. Er flieht aus dem Palast der Finsternis.
Derweil reichen die Richter der Toten und die Drachenkönige vor dem Jade-Kaiser im Himmel Klage gegen Wukong. Das Gleichgewicht von Finsternis und Licht, Wasser und Erde sei in Gefahr. Der Himmels-Kaiser schickt einen himmlischen Boten zum Affenkönig mit einer Vorladung zum Antreten eines unsterblichen Amtes, der zu keinerlei Rang berechtigt, nur Wukong weiss es nicht. Er freut sich über die Ehre, fliegt zum Himmel und verwaltet seines Amtes, bis er des Schwindels gewahr wird. Er schlägt Alles kurz und klein und verlässt den Himmel.
Seine neue Forderung ist, er soll Grosser weisser Himmelsebenbürtige gerufen werden. Der Jade-Kaiser schickt Streitkräfte auf die Erde. Wukong Sun gewinnt das Duell gegen den mächtigen Zaubergeist und fordert die Anerkennung seiner Forderung in Tausch gegen Frieden. Auch im Duell gegen den ungeheuerlich wandlungsfähigen Generalssohn zeigt des Affenkönigs Repertoire an Fähigkeiten, Verwandlungstricks und Ablenkungsstrategien. Es findet sich eine politische Lösung. Wukong Sun bekommt seinen Willen und Amtsräume neben dem Pfirsichgarten, dessen Früchte schwerelos, alterslos und älter als Himmel und Erde machen sollen. Sein neues Domizil gefällt ihm, und er vergisst seine Freunde. Als er erfährt, dass er zum Pfirsichbankett der Himmelskönigin nicht eingeladen ist, schafft er mit List dabei zu sein, isst die verbotenen Pfirsiche, stiehlt Wein und das Elixier und fliegt auf die Erde zu seinem Volk. Der Jade-Kaiser befiehlt die Mächte des Himmels, des Mondes und der Planeten gegen Wukong in den Krieg zu ziehen.

Interpretation

Der Steinaffe, ohne Namen, doch mit viel Mut und Abenteuerlust, verspielt wie ein Kind, Ehrgeiz, Wissbegierde, Hartnäckigkeit, List und Klugheit, stellt sich gegen die Übermächte der Erde, des Wassers und des Himmels. Er strebt nach Wissen und der Vervollkommnung seiner Fähigkeiten. Älterwerden und der Tod sind seine einzigen Ängste.
Das wandlungsfähige, integrationsgekonnte Tier mit den Attributen eines Menschen gibt sich nicht zufrieden mit dem vorgeschriebenen Schicksal; er entwickelt sich, übersteht viele gefährliche Abenteuer und macht sich unbeliebt bei Mächtigen und denen, die ihnen folgen.  Seine Sehnsucht nach Anerkennung nutzen Gegner aus, um ihn hinters Licht zu führen. Keine Beachtung finden und angeschwindelt werden mag er überhaupt nicht und antwortet mit einem augenzwinkernden Gegenschlag zurück. Sein Wesen zwischen Himmel und Erde, die Gegenkräfte, die sich in ihm verbergen, gepaart mit seinem Eigensinn, sein Temperament und sein Denken, das immer in Bewegung ist, haben die Potenz zu einer neuen Verbindung.buecher-logbuchde

Die Zahl Zehn

Zehn Schriftzeichen auf der Tür zur Höhle des Berges der heiligen Terrasse; zehn Jahre vergehen; die zehn Richter der Toten aus zehn Generationen; zehn Jahre im Himmel; zehn Inseln der Unsterblichen; zehn Jahre Studium des Autors in Nalanda. Die Zahl Zehn spielt eine wiederkehrende Rolle in Wu Cheng´en „Die Reise nach Westen“.

Orte

  • Dongsheng, Geburtsort des Affenkönigs, liegt womöglich in der inneren Mongolei.
  • Der Mönch Xuanzang reiste zur Blütezeit der Seidenstrasse während der Herrschaft des Tang-Kaisers Taizong über die Oasenstadt Kumul in Xijiang, nach Samarkand in Usbekistan, nach Balch in Afghanistan, blieb über zehn Jahre im Reich von Harshavardhana von Kannauj und studierte in der größten buddhistischen Universitätsstadt der Zeit Nalanda – heute Ruinenstadt im indischen Bundesstaat Bihar. Er kehrte nach Khotan in Xijiang und Chang’an – ehemalige Kaiserstadt – in der Nähe von Xi´an zurück.

Lesen Sie auch:

Reiseknigge CHINA

Empfohlener Film: Der Kaiser von China.

BUECHER-LOGBUCH.DE
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BEGEGNUNG IM DUNKELN.
FLUCHT VOR DER IKONE.
Rilkes „WEISSES GLÜCK“

Orte:

München

Tinos

Thessaloniki.

Es ist März, und der Frühling kündigt sich an; Schneereste erinnern noch an den harten Winter. Der Protagonist der Erzählung übt den Beruf des Versicherungsangestellten und hört auf den Namen Theodor F.; er fährt mit dem Zug von Wien nach Nizza, wo sein jüngerer Bruder im Sterben liegt und Theodor zu sich gebeten hat. Der ältere Bruder ist verstimmt und irritabel; in Verona muss er zwei Stunden in einer stockdunklen Wartehalle auf den Anschluss warten; er gewahrt die Umrisse anderer Reisender, die auf eine Verbindung warten. Leute gehen ein und aus; mal ist es still, und mal füllt sich die Luft mit Geräuschen. Weil dem Wartenden die Dunkelheit nicht behagt, zündet er Streichhölzer an; eine Frauenstimme spricht ihn an und bittet ihn das Licht auszupusten, weil sie geblendet werde. Der Mann stellt sich die Frau hinter der Stimme jung und hübsch vor und hofft, sie näher kennenzulernen. Die Frau erzählt von Nizza, vom Frühling und von ihrer Rückreise nach Deutschland; sie beschreibt ihr Zuhause; ein weißes Zimmer, in dem sie sich gut aufgehoben fühlt; die Schwester, die jeden Morgen zu ihr kommt; Blumen, die sie umgeben und die nie ganz aufgehen; feierlich bekleidete Besucher, die ihr Blumen bringen; sie erzählt von einer fernen Welt. Dem Zuhörer wird es bei diesem Fast-Monolog unbehaglich zumute; er fürchtet sich. Er kann die Frau nicht verstehen; er verlässt den Bahnhof in der Morgendämmerung und verliert kurzfristig die Orientierung; er fühlt den Wind und die Lindenblüten kühl auf seiner Stirn.

Interpretation

Der Auftakt zu dieser Erzählung ist der Zielort, die Riviera; ein Erholung verheißender, gutbesuchter, gerade deswegen für viele attraktiver, sonniger und warmer Urlaubsort. Man könnte meinen, der Protagonist sieht der ihm bevorstehenden Reise gerne entgegen; seine Stimmung jedoch trübt die Freude. Das Warten ist lästig; die Landschaft ist öde; der Urlaubsroman langweilig; Geräusche und Gerüche sind eine Zumutung. Der gesunde Bruder will den kranken Bruder nicht besuchen, zu dem er nur sporadisch Kontakt hält; er mag diesen Bruder nicht besonders und fühlt sich doch bemüßigt, seinem Ruf zu folgen. Er ist erschöpft und demotiviert und sein Unmut wächst zusehends, als er die Bahnhofshalle betritt; es ist dunkel und voller Geräusche. Der Bahnhofssaal birgt schlafende Menschen, unförmiges Mobiliar; ab und zu blitzen Lichtstrahlen auf aus unterschiedlichen Quellen; die leisen Geräusche vermehren sich in der Dunkelheit und hören sich unheimlich an. Er ängstigt sich und bringt Licht ins Dunkel; er benutzt seine Streichhölzer, bis eine Stimme ihn bittet, das Licht auszulöschen. Es ist eine weibliche Stimme, der er viele Attribute zukommen lässt; leise und wohlklingend, weich und verträumt, lieblich und verheißungsvoll; später klingt sie in seinen Ohren fern und todtraurig, einsam und seltsam, einerseits süß und wohltönend, andererseits unheimlich; die Ambivalenz wächst mit jeder weiteren Zeile.

Der Mann stellt sich eine schöne junge Frau hinter dieser Stimme vor und erhascht in einem kurzen Lichtaugenblick einen Blick auf ein geheimnisvolles verschleiertes Gesicht; seine Langeweile ist verflogen angesichts eines sich anbahnenden Flirts, und er heißt die Abwechslung willkommen; in Erwartung angenehmer Stunden sucht er das Gespräch mit der Frau. Ihre Worte versetzen ihn jedoch in überraschte Verlegenheit; sie sei krank und habe Heimweh. Sie möge Nizza nicht, weil der frühe Frühling des Südens sie an ihre unheilbare Krankheit erinnere. Sein Versuch, sie aufzumuntern bleibt erfolglos; er verstummt. Seine Erwartungen einer Liebelei werden enttäuscht. Mehr und mehr fürchtet er sich vor der unsichtbaren Präsenz dieser fremden Frau.

Sein egozentrischer Charakter besitzt nicht die Feinfühligkeit und das Verständnis für andere. Willkürlich als Zuhörer auserkoren, fühlt er sich durch die vertrauensvolle Annäherung der Frau in die Enge getrieben und wie ein unfreiwilliger Beichtvater in Anspruch genommen. Seine plötzliche Flucht ist vielleicht nicht jedem Leser sympathisch, aber folgerichtig und authentisch; sie bedeutet für ihn nicht nur Befreiung von der gegenwärtigen, ihn einengenden Situation, sondern überhaupt das Verlassen der Erzählbühne und erfüllt vielleicht seinen geheimsten Wunsch.

Am Ende ist der Mann genauso einsam wie die Frau, von der er sich zu verabschieden nicht vermag. Die Figur der Frau verkörpert seine Ur-Ängste. Während er Angst vor dem Dunkeln hat, fühlt sie sich im Dunkeln geborgen. Seiner negativen Grundhaltung steht ihre Sanftheit und vertrauensvolle Zugewandtheit gegenüber. Seiner introvertierten Aggressivität hält sie ihre passive, ätherische Traurigkeit entgegen.

Die Frau ist eine einsame Lichtgestalt, ihrem weißen Zimmer sehr verbunden wie ein kleines Kind, das ungern seine Muschelschale verlässt. Menschen pilgern zu ihr in das abgeschiedene weiße Zimmer und bringen ihr Blumen. Wird sie wie eine Heilige verehrt oder wird ihrer wie einer Verstorbenen gedacht? Fast ist sie wie eine Ikone oder eine Statue, zu deren Füßen sich Gaben anreihen. Das „Nirvana“ im Nonnenkloster ist ihr entrückte Heimat, nicht die bunte, lebensintensive, menschenrauschende Riviera. Ihre Unantastbarkeit und ihr seelischer Asketismus beunruhigen und überfordern den Mann zutiefst.

Die zufällige Begegnung zwischen dem Reisenden und der Fremden in der dunklen Bahnhofshalle ist von kurzer Dauer; das weiße Glück der Frau ist für den Mann unerträglich. und treibt ihn zur Flucht.

Buecher-Logbuch-Fazit

Rilke schreibt über Einsamkeit und Furcht vor Nähe, inszeniert düstere Stimmungen, deutet an, bleibt rätselhaft; Zwischen-den-Zeilen-Lesen ist hier unabdingbar.#Buecher-Logbuch

Bibliographie

  • Rainer Maria Rilke, Weißes Glück, S. 68-73, in Rainer Maria Rilke, Vom Alleinsein, ©Insel Verlag 1992 ISBN 978-3-458-32916-9, € 8,-(D) 
  • Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, Insel/Suhrkamp.

    Insel Suhrkamp Verlag
    Insel Suhrkamp Verlag

Orte

  • Nizza ist das Reiseziel und Endbahnhof,
  • In Wien beginnt die Zugfahrt,
  • In Verona macht der Reisende Zwischenstation.

Reiseführer Nizza, Verona, Wien:

  • Marco Polo, Stadtführer für Stippvisiten und kurze Aufenthalte geschäftlicher oder privater Natur für Besucher, die die Städte kennenlernen möchten, aber leider nicht sehr viel Zeit zur Verfügung haben.

Lesen Sie auch:

  • Rainer Maria Rilke, Der Drachentöter,
  • Rainer Maria Rilke, Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge, sein einziger Roman und
  • Heinrich Böll, Erzählung So ward Abend und Morgen – im Band Als der Krieg ausbrach – über die Entfremdung von Mann und Frau, enttäuschte Erwartungen, Einsamkeit an Feiertagen und die kleinen Freuden des Lebens,
  • Donna Leon, Tod zwischen den Zeilen, ein verrückter Sammler schreckt auch nicht vor Gewalt zurück, um Bücher zu besitzen, vor allem ihre wertvollen Einbände; so werden Bücher und ihre Buchcover zu Ikonen, deren Inhalt allmählich in die Vergessenheit gerät, wie die geheimnisvolle Frau aus dem Bahnhof in Rainer Maria Rilkes „Weisses Glück“,
  • Colm Toibín, Marias Testament, wie es hätte sein können, wenn Maria Mutter Jesu die Entscheidung ihres Sohnes und seinen Märtyrertod nicht so vorbildlich ertragen würde wie überliefert,
  • Anton Tschechow, Der Tod des Beamten

Empfohlener Krimi:

Patricia Cornwell, Die Tote ohne Namen.

Empfohlene Filme:

Über den Dächern von Nizza

Die Katze auf dem heissen Blechdach.

Unheimlicher Roman: 
Der Bahnhof.

Berliner Diasporas.
Patchwork Gestern Heute.
„RUSSENDISKO“

Wladimir Kaminer, Russendisko, Goldmann Verlag 2003 München
Copyright Wladimir Kaminer
Goldmann Verlag

Orte:

Astypalea

Berlin

Chemainus

Diamantenberge

Dover/Calais

Duncan

Durban

Eureka

Havanna

Kiew

Kythira

Lemberg

Lesbos Stadt

Lüneburg

Moskau

Mossul

München

Neapel

New Orleans

Samos

Scunthorpe

Skiathos

Seoul

Tenedos/Nordägäis

Terezin

Whistler.

Berliner Diasporas. Patchwork Gestern Heute, in RUSSENDISKO.

1990. Einem Ondit zufolge, dass die DDR – Deutsche Demokratische Republik – Juden aus der Sowjetunion aufnimmt, folgt eine Emigrationswelle. Die Belege der jüdischen Herkunft sind mehr oder minder echt. Unter ihnen sind auch die zwei Protagonisten aus Moskau. Mit wenig Gepäck und viel Abenteuerlust kommen sie in Berlin an. Zigeuner und Vietnamesen sind ihre ersten Bekanntschaften. Am Anfang leben sie wie Nomaden; mal hier, mal dort, später in einem Migrantenheim. Nach der Wende zieht einer in die eigene Wohnung am Prenzlauer Berg. Die Zeiten sind nicht immer rosig, und es gelingt ihnen nicht alles auf Anhieb, aber sie sind jung und lieben das Leben. Sie halten sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und fassen schnell Fuss. Später findet sich für manche die Traumbestimmung, manche andere üben einen bürgerlich soliden Beruf und sind verheiratet.

Interpretation

Der Protagonist erzählt vom Alltagsleben der neuen und alten Migrantinnen und Migranten in der neuen alten Hauptstadt Berlin; von ihrer Vorgeschichte, ihren Freuden und Sorgen, die großen und kleinen Tragödien in Hinterhöfen, auf dem Prenzlauer Berg und an der Schönhauser Allee; von seinen Eltern in Russland, seiner Frau in Berlin, seinen Freunden und ihren Schicksalen, von Nachbarn, Chefs und anderen Begegnungen. Er berichtet mit Augenzwinkern von der russischen Diaspora, von ihren Gepflogenheiten und Besonderheiten; er schildert das Aufeinandertreffen und Zusammenleben von Menschen aus aller Welt und beschreibt die Aufbruchsatmosphäre in der Stadt nach der Wiedervereinigung.

Vor den Augen des Lesers entfaltet sich eine Erzähl-Collage, die sich in eine bunte City-Patchwork-Leinwand integriert. Optimismus paart sich mit Hoffnung, Durchhaltevermögen mit Hartnäckigkeit, Flexibilität mit Geschäftssinn, und vor allem lebt sich der nicht immer rosige Alltag mit Lebenslust und Humor. Zufrieden mit sich und der Welt, neugierig auf andere Menschen und Kulturen ist jeder fast mit jedem verschwägert; in Berlin kennt jeder jeden. Eine große Familie, die miteinander lebt, einander liebt, hasst, betrügt, gerne über sich und miteinander redet, miteinander lacht und tanzt.

Ab und zu erscheinen Deutsche in diesen Geschichten, was Leser erinnert, dass Russendisko in Deutschland spielt. Der Erzähler hat vor, seine Einbürgerung zu beantragen; nur die Formulierungsanforderungen seines Lebenslaufs verursachen ihm Kopfzerbrechen. Als das Unternehmen Einbürgerung zufällig buchstäblich ins Wasser fällt, staunt er stattdessen über das sonderbare Verhalten seiner vietnamesischen Nachbarn zur Nachtzeit, das ein wenig an amnesieleidende Eichhörnchen erinnern lässt; der  Unterschied ist, dass die Nachbarn wohl nach Zigaretten und nicht nach Nüssen graben. Traurigkeit über die verpasste Einbürgerung kommt nicht auf; der Held dieser Geschichte lebt gern in Berlin mitten in der bunten Welt der Diaspora(s).

Buecher-Logbuch-Fazit

Multitasking und laissez faire: Berlin at it´s best! Russendisko ist die Hommage am Emigrantenleben in einer buntkarierten lebendigen Individualisten-Stadt. Die einzelnen Kapitel sind Szenen aus dem Alltag, dem Feierabend, aus den Wochenenden; sie lassen mehrere Abende und das Zwischendurch von Erwachsenen und jungen Menschen ab 16 füllen, die wenig Zeit haben und trotzdem gern lesen. Und sie sind ein Flicken an der PatchworkDecke, die das moderne Berlin ausmacht.#Buecher-Logbuch

Bibliographie

Wladimir Kaminer, Russendisko, ©2000 by Wladimir Kaminer, ©der deutschsprachigen Ausgabe by Goldmann Verlag 2002, ISBN 978-3-442-54175-1, €7,95 (D) 

Städteführer und -knigges Berlin:

Lesen Sie auch:

Für Kinder und Jugendliche ab 11

  • Johannes Groschupf, Das Lächeln des Panthers, Oetinger Verlag,
  • Andreas Schlüter, City Crime Blutspur in Berlin, Tulipan Verlag.
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 Diasporas wie Ανω Κατω.

Must-Have:

Berlin Alexanderplatz.

Empfohlener historischer Kriminalroman:
In den Ruinen von Berlin.

Empfohlener Film:

Der Himmel über Berlin.

Orte:

Garmisch-Partenkirchen.
Hamburg.
Hannover.
Konstanz.
Lörrach
Merseburg
Rosenheim.