„DUNKELGRÜNE SEELENTIEFEN“:
TURMALIN

Adalbert Stifter "Turmalin" Reclam Verlag
©Reclam Verlag

Orte:

Hamburg-Kiwittsmoor

Hamburg-Langenhorn

Hamburg-Volksdorf

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Ribnitz-Damgarten

Tokio

Wien

Lesen Sie diese Erzählung aus heutiger Sicht. Es geht um Anstiftung zum Selbstmord, ein Erwachsener im Kreis einer Institution mit Todessehnsüchten zwingt einem Kind, in Adalbert Stifters Geschichte ein Mädchen, seinen Willen auf und macht es krank, weil er traurig ist, weil er keinen anderen Halt weiß, weil es damals die Möglichkeiten der Betreuung traumatisierter Menschen nicht gab – die Entstehung von Traumas ist nicht nur ein Phänomen des Kriegsalltags.

Lese auch:

Christine Wunnicke, Der Fuchs und Dr. Shimamura über die Reise eines Japaners im frühen 20. Jahrhundert in den Westen und seine Erkrankung aufgrund der erhöhten morbiden Erlebnisse in Wien und anderen Städten. Interessanterweise haben mir Menschen, die ich zum ersten traf und meinen Namen Kyriaki Marati sagte, auch gedacht, ich käme wegen des Namens aus Japan, aber das ist bestimmt nur ein dummer Zufall.

Im preisgekrönten Dokumentarfilm „Spotlight“ geht es um den Weg bis zur Veröffentlichung hunderter Missbrauchsfälle – im Film von Jungen – begangen von katholischen Priestern in Boston, Massachussets, doch im Nachspann sind ganz viele andere Orte rund um die Welt, die ähnliche Fälle zu beklagen haben.

Über Spotlights generell – übrigens eine Apple Computern integrierte Funktion trägt den selben Namen – lesen oder sehen Sie:

Max Bronski, Mad Dog Boogie

Claus Cornelius Fischer, Die letzte echte Frau

Wien im ausgehenden 19. Jahrhundert. Der Rentherr lebt mit Frau und Tochter in einer Wohnung am Sankt Petersplatz. Die Wände in seinem Zimmer sind mit Bildnissen berühmter Männer verziert. Die Bildnisse auf der untersten Reihe und die an den entlegenen Ecken des Zimmers können mit Hilfe von Ruhebetten auf Rollfüssen betrachtet werden. Die schöne Ehefrau des Rentherrn hat ihr eigenes Zimmer, das sie nach ihrem Geschmack einrichtet. Das Zimmer der Ehefrau hat einen separaten Ein- und Ausgang; abends treffen sich die Eheleute im Zimmer der Frau und betrachten ihr schlafendes Kind in seiner wunderschön eingerichteten Wiege. Die Ehefrau beginnt ein Verhältnis mit einem Schauspieler und Künstler, der ihren Mann regelmässig besucht; sie verlässt ihre Familie und wird von ihrem Mann vergebens gesucht. Vater und Tochter verlassen die Familienwohnung und kehren nicht mehr zurück; die Wohnung wird später versteigert. Der Erzähler erfährt über eine Freundin von ihrer späteren Begegnung mit Vater und Tochter. 

Der Mann sei mit dem Mädchen in eine unterirdische Wohnung einer alten Villa in einem Wiener Vorort geflüchtet; er sei verarmt und verdiene ihr beider Lebensunterhalt mit seinem Flötenspiel. Das Mädchen spreche unverständlich, leide an Hydrozephalus, habe eine sehr schöne Schrift und ein ungewönliches Haustier, eine zahme Dohle. 

Die Freundin des Erzählers und ihr Mann nehmen sich nach dem Tod des Vaters des Mädchens an.

Dunkelgrüne Seelentiefen. Interpretation.

Der Beginn ist eine Analogie; der dunkelfarbige blaugrüne Turmalin, Namensgeber der Erzählung, trifft auf die dunklen Seelentiefen, die sich langsam entblößen.

Des Ehepaars gemeinsamer Stolz ist ihr Kind, das sie jeden Abend bestaunen; ansonsten haben sie nicht sehr viel gemeinsam und frönen ihren persönlich favorisierten Freizeitaktivitäten. Der Mann fühlt sich in seinem einer Porträtgalerie nacheifernden Zimmer sehr wohl. Die Frau lebt in ihren eigenen nach ihrem Geschmack eingerichteten Räumen zusammen mit dem Kind; sie lebt isoliert und verliebt sich in den erstbesten Vertreter der Außenwelt. Als sie ihre Familie verlässt, bricht für ihren Mann eine Welt zusammen; er lässt seine vertraute, liebgewonnene Welt zurück. Die traumatische Erfahrung des Verlassenwerdens, die Einsamkeit verfolgt ihn sein ganzes Leben lang. Seine Verbitterung und unendliche Traurigkeit überträgt er auf die gemeinsame Tochter, die für ihn Aufsätze über seine Todessehnsüchte und -fantasien schreiben muss. Das verängstigte Kind lernt später in ihrer neuen Familie, verständlich zu kommunizieren und entwickelt sich zu einer tüchtigen jungen Frau.

Der Schlusssatz der Erzählung

Der große Künstler ist längst tot, der Professor Andorf ist tot, die Frau wohnt schon lange nicht mehr in der Vorstadt, das Perronsche Haus besteht nicht mehr, eine glänzende Häuserreihe steht jetzt an dessen und der nachbarlichen Häuser Stelle, und das junge Geschlecht weiß nicht, was dort gestanden war und was sich dort zugetragen hatte. 

bezieht sich auf Ereignisse, die für manche Menschen bedeutend waren und trotzdem nach einiger Zeit vergessen wurden, unabhängig davon wie dramatisch sie für die Beteiligten waren. In „Turmalin“ bekommt dieser Satz seine Gültigkeit durch die Geschichte von Vater und Tochter in Wien des neunzehnten Jahrhunderts.

Bezogen auf Hamburg zum Beispiel hätte dieser Schlusssatz für viele Straßen, Plätze und Stadtteile Gültigkeit, zum Beispiel die Geschichte des Hauses in Meßberg 1, die eng mit einer inzwischen wohl aus Marketinggründen in „Cyanosil“ umgetauften Chemikalie verbunden ist, die einstige Schule am Bullenhuser Damm, die heute einen Kindergarten beherbergt, deren Kellerräume zur offiziellen Gedenkstätte für die von Schergen des nationalsozialistischen Terrors ermordeten Kinder umgestaltet wurden, wo kurz nach deren Eröffnung 1980 eine Brandbombe zwei Menschen verletzte oder die Schwarzenbergstraße 91 an der Technischen Universität Harburg, wo ein Mann namens „Geschenk“ oder „Das, was kommen wird“ ein Verbrechen an der Menschlichkeit vorbereitete.

(zu lesen in:

Zyklon B. Tödliche Geschäfte im Meßberghof (Seite 38-39, DAS SCHWARZE HAMBURG-BUCH)

Mohammed Atta. Der Schläfer an der Nerd-Uni. (Seite 88, DAS SCHWARZE HAMBURG-BUCH).

Turmalin erzählt die tragische Geschichte eines unglücklichen vereinsamten Mannes, der seine Tochter zu ihrem Glück nicht für immer gefangen halten kann. Adalbert Stifter schreibt und lässt im zweiten Teil erzählen: Gestern, heute und morgen geben sich in Turmalin die Hand. ©Kyriaki Marati, buecher-logbuch.de

Bibliographie

Adalbert Stifter, TurmalinBESTELLEN, in Adalbert Stifter, Bunte Steine, ISBN 978-3-15-004195-6 ©Reclam Verlag €9,80 

Lesen Sie auch:

David Almond, Der Junge, der mit den Piranhas schwamm,

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Javier Sebastian, Thallium,

Julian Sedgwick, Mysterium3 AUF MESSERS SCHNEIDE

Avtar Singh, Nekropolis

Heinz Strunk, Fritz Honka

Irina Teodorescu, Der Fluch des schnauzbärtigen Banditen,

Colm Toibín, Marias Testament

Lyonel Trouillot, Die schöne Menschenliebe

Kim Thúy, Der Geschmack der Sehnsucht

Jeff Vandermeer, Auslöschung

Antje Wagner, Vakuum

Martin Walser, Ein sterbender MannBESTELLEN

Minette Walters, Der KellerBESTELLEN,

und die Bücher zum Thema Die Sage der Sirenen.

Dieses Schreibprojekt schrieb Kyriaki Marati, Kontakt, Web: buecher-logbuch.de

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