„GEBRAUCHSANWEISUNG FÜR DIE
EXZENTRISCHEN GIPFEL EUROPAS“
„Von nun an geht´s bergauf.
Über Pinneberg und Pico
auf die Gipfel Europas“

Wolfgang Schaub, Von nun an geht´s bergauf, Piper Verlag München 2014
Piper Verlag

Wolfgang Schaub ging in den Ruhestand und begann, die höchsten Gipfel Europas zu erklimmen, vom Norden bis zum Süden, vom Westen bis zum Osten. Seine Vorbereitungen und Reisen führten über Grenzen zu atemberaubenden Panoramas, zu Höhepunkten mitten in Grossstädten, zu Unterwasserbergen, zu der Begegnung mit den eigenen Grenzen. 

13. August 1999: Wolfgang Schaub will mit der Besteigung des zweithöchsten Gipfels des Pamirgebirges, des Pik Lenin – inzwischen umbenannt in Pik Abuali Ibni Sino die 7.000 Meter Marke bezwingen. Nach Tagen der Vorbereitung und schneereichen Nächten entscheidet sich die Gruppe zur Umkehr. Wolfgangs seit Kindheitstagen verwirklichte Bergsteigerträume verrücken sich: er will in der Freiheit des Ruhestands sein Projekt gipfelundgrenzeneuropas in die Tat umsetzen; die Höchstpunkte des europäischen Kontinents sammeln, neben bekannten die unbekannten Gipfel entdecken und erklimmen, öfters dort, wo noch niemand zuvor es gewagt hat, auch dort, wo unsichtbar sichtbare Grenzen verlaufen, in die Heimat der Enklaven, dort wo Grenzen in Grenzen fliessen und Europa zu Ende zu sein scheint; seine anvisierten exzentrischen Bergziele reichen von dem schwer erklimmbaren Rockall am äussersten Nordwestrand Europas bis zu dem ohne Tauchkurs nicht besteigbaren Unterwasserberg Ferdinandea, von dem Treffpunkt der drei Winkel Peña Trevinca in Galicien bis zu dem nördlichsten Vulkan der Erde Jan Mayens Beerenberg, von dem Pinneberg auf Helgoland zum wilden Bobotov Kuk in Montenegro, von dem Vulkan Pico auf den Azoren bis zum männerdominierten Agion Oros auf der Halbinsel Athos, von der von Tälern und Sümpfen umgebenen Gora Narodnaja in der Republik Komi bis zum Kaukasus der Völker, Grenzen und Gipfel, um nur einige seiner 130 Ziele zu nennen.
DIE „VERRÜCKTE“ PERSPEKTIVE
Die Perspektive des Bergsteigers Wolfgang Schaub verrückt sich; seine Ziele sind die Erfüllung der Leidenschaft, Spitzen zu sammeln, wobei die Höhe dabei in weite Ferne rückt; den wahren Höchsten eines jeden Staates zu finden, der nicht zwingend der offiziellen Markierung entspricht.
Die Leidenschaft wird belohnt mit Panoramas der Superlative, mit in der Morgensonne eintauchenden Gletscherkaskaden ins Meer, mit dem Blick auf Wildwasserschluchten und Almidyllen aus einem anderen Jahrhundert, mit sternenklaren Nächten und Vollmondszenerien auf Gipfeln, mit dem Gefühl der etwas anderen Art, alle diese einzigartigen Unternehmungen allein geschafft zu haben, mit der Entdeckung des exzentrischen, wilden, fremden, den asiatischen Kontinent berührenden Europa unweit der zivilisierten Grenze, mit der Erklimmung fremder Gipfel und Grenzen; und nicht zuletzt mit der Überwindung der eigenen Grenzen  und der Entdeckung der Kräfte des Ich im Einklang mit der Natur.
Die Überspringung der Hürden bedarf der Planung und Vorbereitung und fordert den gesunden Menschenverstand heraus; sie setzt voraus Erfahrung, Empathie, das phasenweise Miteinander, Sprachkenntnisse; sie verlangt die manchmal und mancherorts aus dem Peto hervorzuzaubernde Bereitschaft zur intuitiven Annäherung gänzlich anderer, kurios erscheinender Perspektiven, die Erkenntnis, den Zufall und die ortseigenen Vorgaben und Grenzen nicht überzustrapazieren, so auch womöglich die Flexibilität oder Vorsicht, das Ziel auch kurz vor seiner Erreichung aufgeben zu können.

Buecher-Logbuch-Fazit

„Von nun an geht´s bergauf“ ist das Überlebensbuch für Abenteurernaturen in den besten Jahren, denn es führt Leser und Reisewillige in unbekannte über viele heterogene Hürden erreichbare Orte Europas abseits der Routen des Massentourismus. Wolfgang Schaub kam, sah und schrieb die Gebrauchsanweisung für „exzentrische Gipfel und Grenzen in Europa“.©Buecher-Logbuch 

Bibliographie

Wolfgang Schaub, Von nun an geht´s bergauf Über Pinneberg und Pico auf die Gipfel Europas, Reihe Malik, erschienen am 12.05.2014, ©Piper Verlag, ISBN: 978-3-89029-775-0, € 19,99 [D] 

Kaffee und der Berg Athos
Die Mönchsrepublik hat ihre Regeln, Zugangsberechtigungsstrukturen und ihre Rituale; wohl mindestens genauso exzentrisch wie die anderen Ziele in „Von nun an geht´s bergauf“. Und der Kaffee, den man in Griechenland trinkt, heisst Ellinikos – der Griechische. Für die Reisenden, die aus den verschiedensten Gründen das griechische Wort nicht über die Lippen bringen, heisst der Kaffee auch Mokka oder einfach nur sketos (mit keinem Zucker), metrios (mit wenig Zucker) oder glykos (mit viel Zucker).

Weiterlesen unter anderem über die Tücken mit nationalgeprägten Kaffeebestellungen in Griechenland in:

Fettnäpfchenführer Griechenland von Heidi Jovanovic.

 

 


„RISSE IN DER KULISSE“
DER MODERNJAZZ-ROMAN.
Intermission

Owen Martell, Intermission, Verlag Klaus Wagenbach
Verlag Klaus Wagenbach

REELLER HINTERGRUND

Der Roman #Intermission basiert auf der wahren Geschichte des Jazz-Pianisten Bill Evans. Bill Evans hatte walisische und osteuropäische Wurzeln. In den späten fünfzigern und frühen sechziger Jahren feierte er erste Erfolge mit dem Bill Evans Trio mit dem Bassisten Scott La Faro und dem Schlagzeuger Paul Motian. Die Live-Aufnahmen im New Yorker Village Vanguard in den späten fünfzigern Jahren zogen Publikum und Kritiker in ihren Bann und setzten mit ihrem Stil Meilensteine im #Modernjazz. Der tragische frühe Tod des genialen Bassisten Scott La Faro setzte den unfreiwilligen Schlussstrich unter die charismatischen Auftritte. Bill musste nach dem tragischen Unfalltod des genialen Bassisten Scott La Faro neue Formationen eingehen. Bill Evans starb 1980 an den Folgen seiner langjährigen Drogensucht, zwei Jahre nachdem sein älterer Bruder sich das Leben nahm.

RISSE IN DER KULISSE

Morgendämmerung der sechziger Jahre; der Jazz-Pianist Bill verliert seinen Freund und Bassisten Scott bei einem Unfall; ein herber, sprachlos machender, lähmender Verlust, denn Scotts Bassspiel war charismatisch, und das beseelte Zusammenspiel im Bill Evans Trio blies seelenlosen Puppen Leben ein – Kapitel 1, „Der Petruschka-Akkord“ – und übte auf das Publikum eine magische Anziehungskraft aus; der aufgehende Dreigestirn des Erfolgsversprechens verlor mit Scotts Tod einen Stern, der erlosch beim ersten Höhepunkt des sich allmählich einstellenden Ruhms.
Bill irrt wie ein Schlafwandler durch New York, stets in Bewegung in Zügen und auf Strassen, immer in Erinnerung an den Akkord der Bühnenauftritte im berühmten Village Vanguard von Greenwich Village. Vergessenheit sucht er in nächtlichen Ausflügen, deren Ziel geheim bleibt. Balsam für das jäh zerrissene Band der Freundschaft, der geistigen Nähe und des hautnah erlebten Genusses, vor den Kulissen den Jazz im Einklang zu performen, sind für Bill künstlich durch Heroin hervorgerufene Illusionen.
Der ältere Bruder Harry junior bemüht sich, den jüngeren aus seinem selbst entworfenen Exil in der Einsamkeit zu befreien; die beiden Brüder trennt inzwischen mehr, als es sie verbindet; die Vertrautheit der Kindheit längst verdrängt drehen sie wie zwei Fremde ihre Lebenskreise, ohne sich zu berühren; gelegentlich kommen sie einander näher, doch sie haben sich nichts mehr zu sagen. Harry junior kämpft vergeblich um Bills Rückreise in die Wirklichkeit; wie ein schuldbewusster, gewissenhafter Schatten ersetzt er, der scheinbar Starke, die Eltern; er wacht tags und nachts in Gedanken und vor Ort, immer ungebeten, über des Jüngeren Wohl-Sein, das von der Sehnsucht nach der Sucht und dem Wunsch eingehüllt, die Zeit in die Village Vanguard-Tage zurückdrehen zu können, die brüderliche Zuwendung, die Angst um sein Wohlbefinden en passant wahrnimmt.

Die mehrmonatige Erholungsreise Bills zu den jedem auf seiner Weise besorgten Eltern Harry senior und Mary, die das Zuhause in Plainfield, New Jersey aufgaben, um als Rentner ein ruhiges, sonnigeres Leben in Florida geniessen zu dürfen, bringt Mutter, Vater und den jungen talentierten, sensiblen, drogenabhängigen Sohn gewissermaßen näher, als sie es sich sonst für möglich gehalten hätten, doch Bills schweigende Unnahbarkeit bleibt unantastbar; die Eltern sind sich längst fremd, sie ertragen sich nur, weil sie sich Freiräume gestatten. Bills Trauer um den so früh verstorbenen Freund und Partner Scott, sein gleichberechtigtes Spielpendant auf der Bühne, seinen Seelenverwandten vor und hinter den Kulissen erhebt sich einer Mauer gleich. Erinnerungen aus der Kindheit, der Trost, den Familie zu spenden vermag, verblassen in der Unmittelbarkeit des Jetzt, denn das Jetzt gehört Bill alleine, während die Kindheit von den Erwartungen an ihn als Wunderkind und von der ängstlichen Fürsorge um seine postuliert labile Gesundheit geprägt war.
Die Rückkehr nach New York schlägt den Schlussakkord für Bills Zeit mit der Familie seiner Kindheitsjahre und kündigt die neue Ära erfolgs-, nicht immer glückversprechender Zusammenarbeiten an, der Erfüllung und des Vergessens in der Musik, der regelmässigen kurzweiligen Reisen in scheinbar unzerreißbare Dimensionen, dem nach und nach verschwindenden Lebenswillen zwischen kurzen Lichtblicken in Musik und Abhängigkeit, dem sich immer häufiger verbreitenden Schweigen einer Holzpuppe ähnlich. Intermission ist der aus der wahren Lebensgeschichte des Jazz-Pianisten Bill Evans inspirierte Roman.

Owen Martell dichtet in Intermission in lückenlos nachhallenden Tönen, in Lebensrisse malende Farben das jazzige Klagelied um früh vergangene Schönheit, jäh abgebrochene geistliche Verwandschaft, schmerzenden Verlust, Passagen ohne Wiederkehr, Risse in Erwartungen, Lebenslücken und Neuanfänge. Die Risse in den Kulissen ziehen ihre Kreise von der Bühne zum Leben, von der Musik in die Wirklichkeit, wie sie diese komponieren, Unsichtbares und Erahntes, Unterbewusstes und Verschwiegenes, erdrückend Erwartetes und wehmütig Vermisstes bespielen lässt.

Buecher-Logbuch-Fazit

Der Roman Intermission ist:

  • der melancholisch poetische Streifzug durch das Sehnsüchte verheissende Manhattan, insbesondere Greenwich Village und den berühmten Village Vanguard;
  • die Hommage an Plainfield, Somerset County, in New Jersey der 50er und 60er Jahre;
  • der Strauss der Erinnerungen aus der vor Generationen verlassenen alten Heimat, die Wales oder ein Ort in Osteuropa war;
  • die Verbeugung vor zwei aussergewöhnlichen Musikern;
  • die Ballade der Trauer um einen verstorbenen lieben Menschen, der dem Protagonisten, dir, mir, Euch, uns viel bedeutet hat;
  • die Lebensgeschichte eines zur Einsamkeit programmierten überbehüteten Wunder versprechenden sensiblen Kindes, das am Ende alleine bleibt, weil alle, die sich um ihn sorgten, vor ihm gegangen sind.

„Intermission“ ist der Akkord aus Musik, Leben und Abschied. Das Buecher-Logbuch empfiehlt „Intermission“ Jugendlichen ab 16 und Erwachsenen, denen New York, Modern Jazz und das unnachahmliche Bill Evans Trio immer noch die Welt bedeuten.©Buecher-Logbuch

Bibliographie

Owen Martell, Intermission, Aus dem Englischen von Anke-Caroline Burger, ©2013 Owen Martell, ©für die deutsche Ausgabe Verlag Klaus Wagenbach 2014, 176 Seiten, ISBN: 978-3-8031-3261-1, €14,90