Die späte Entscheidung für die Kunst:
„Erinnerungen an Vincent van Gogh“

Vincent van Gogh entschied sich spät für die Kunst. Die Persönlichkeit des niederländischen Malers und sein Werdeweg vereinte viele Facetten: Theologie, psychische Zusammenbrüche, die öffentliche Legendenbildung, von der sein wahres Ich verborgen blieb, seine Gleichgültigkeit gegenüber der Öffentlichkeit, seine wiederholten Alkoholexzesse, seine erstaunliche Produktivität, sein künstlerisches Einzelgängertum zwischen Genie und Wahnsinn, der unter der Sonne Südfrankreichs zum endgültigen Ausbruch kam: er schnitt sich selbst ein Ohr und bedrohte seinen Kollegen Paul Gauguin mit einem Rasiermesser. Der Wahnsinn trieb ihn in den Freitod. Vincent van Gogh war ein verkanntes Genie, das zu Lebzeiten ein einziges Bild verkaufen konnte. Die Überlieferung seines Lebens trug zur rasch wachsenden Popularität seiner Werke bei und schaffte eine Kunstfigur, die in beinah diametralem Gegensatz zur historischen Wirklichkeit steht.

Malte Lohmann versammelt in „En face – Texte von Augenzeugen“ Erinnerungen an Vincent van Gogh, dem Missionar unter den Armen, dessen Werke heute zu den teuersten Spekulationsobjekten des Kunstmarkts zählen. Die Legendenbildung setzte kurz nach seinem Selbstmord im Jahre 1890 ein. Die Persönlichkeit dahinter blieb verborgen. Vielleicht erreichte der Konflikt zwischen öffentlicher Wahrnehmung und der Wirklichkeit extreme Höhen, die das Abdriften zum Wahnsinn willkommen hiessen, um der Welt den Rücken zu kehren, weil sie unerträglich geworden war.

Aus „Blau und Orange“ Erinnerungen von Archibald Standish Hartrick

Bei der ersten Ausstellung von van Goghs Werken in England wurde in der Presse behauptet, er sei eine robuste Erscheinung gewesen (zweifellos um eine Übereinstimmung mit der Wut seines Malens festzustellen); entgegen diesen irrtümlichen Äußerungen kann ich versichern, daß er mir als ein ziemlich dürftiger kleiner Mann erschien, mit verkniffenen Gesichtszügen, rotem Haar, Bart und hellen blauen Augen. Wenn er einmal in Fahrt gekommen war, hatte er eine außerordentliche Art, Sätze auf Holländisch, Englisch und Französisch hervorzustoßen; dann warf er einem über die Schultern weg einen Blick zu und zischte durch die Zähne. Die Französen behandelten ihn vor allem deshalb höflich, weil sein Bruder Theodor bei Goupil & Co. angestellt war und also Bilder kaufte…Zum erstenmal sah ich ihn in Russels Atelier im Impasse Hélène im Clichy-Quartier. Russel hatte gerade jenes Porträt von ihm im gestreiften blauen Anzug gemalt, wie er über die Schulter blickt; es ist jetzt, glaube ich, in der Modernen Galerie in Amsterdam als Teil der dortigen van Gogh-Sammlung. Es war ungeheuer ähnlich, viel ähnlicher als seine Selbstbildnisse oder das Porträt, das Gauguin von ihm gemacht hat. Wie ich höre, soll es aber sehr nachgedunkelt sein. Früher war es als das Werk eines Amerikaners verzeichnet – Australien ist eben in der Kunstwelt eine terra incognita. (Seite 122)

Bibliologie
En face - Texte von Augenzeugen 
Erinnerungen an Vincent van Gogh 
Herausgegeben von Malte Lohmann 
Nimbus Kunst und Bücher.

Der Mythos von der Währungsunion“Im Sog der Technokratie“

Seit 1980 versammeln die Bände der Reihe Kleine politische Schriften Analysen, Stellungnahmen und Zeitdiagnosen Jürgen Habermas‘. Titel wie Die neue Unübersichtlichkeit sind längst in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen. Im titelgebenden Aufsatz dieser Folge knüpft Habermas an seine viel beachteten europapolitischen Interventionen der letzten Jahre an. Angesichts der Gefahr, dass technokratische Eliten die Macht übernehmen und die Demokratie auf Marktkonformität zurechtstutzen könnten, plädiert er für grenzüberschreitende Solidarität Get the facts. Neben Habermas´ hochaktueller Heine-Preis-Rede enthält der Band Porträts von Denkern wie Martin Buber, Jan Philipp Reemtsma und Ralf Dahrendorf sowie einen Aufsatz, in dem der Philosoph sich mit der prägenden Rolle jüdischer Remigranten nach dem Zweiten Weltkrieg auseinandersetzt. Mit Band XII beschließt der Autor eine Buchreihe, die kaleidoskopisch Grundzüge einer intellektuellen Geschichte der Bundesrepublik widerspiegelt.

»Wo sich fast alle im kurzatmigen Krisenmanagement verheddern, muss einer die langen Linien der europäischen Politik ziehen. Jürgen Habermas tut es.« Franz Müntefering über Zur Verfassung Europas

„Wenn man die Währungsunion erhalten will, bedarf es einer kooperativen, aus einer gemeinsamen politischen Perspektive unternommenen Anstrengung, um Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit in der Euro-Zone insgesamt zu fördern. Eine solche Anstrengung würde von der Bundesrepublik verlangen, im längerfristigen Eigeninteresse kurz- und mittelfristig negative Umverteilungseffekte in Kauf zu nehmen – das wäre ein exemplarischer Fall von politischer Solidarität.“

AIm Sog der Technokratieus Jürgen Habermas,

Im Sog der Technokratie,

edition suhrkamp.

 

Hirnverletzungen:
„Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“

Ein Musikwissenschaftler tätschelt Hydranten, weil er sie für spielende Kinder hält. Eine 90jährige Frau bekommt plötzlich wieder Appetit auf junge Männer. Ein Student kann eine Zeitlang riechen wie ein Hund – und vermißt es, als es vorbei ist: Eine winzige Hirnverletzung, ein kleiner Tumult in der cerebralen Chemie, und Menschen geraten in eine andere Welt, in die Gesunde nicht vordringen, auch keine Träumer von Kuckuckseiern. Oliver Sacks verwandelt 24 medizinische Fallstudien in 24 faszinierenden literarischen Kunstpaketen, die von Aalen bis Zwergen die Welt in einem Päckchen, das Wunderkerzen heller strahlen lässt und Alices in Wunderländern Andersens Mädchen mit den Streichhölzern treffen, das ein warmes Zuhause unter einem Sternenbaldachin sich wünscht und auch bald finden kann.

Bibliologie
Rowohlt
Oliver Sacks, 
Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte, 
rororo.

Anashim Tovim

Das Urteil der Einsamkeit ist nicht endgültig. Man sieht die Welt vor Menschen aus allen Nähten platzen und lässt sich verführen zu glauben, mit Leichtigkeit werde man die eigene Einsamkeit vertreiben können. Ein Mensch tritt zu einem anderen, beide begeistern sie sich für die „Götterdämmerung“ oder für die letzte Inszenierung von Hauptmann, beide haben sie Aktien von Thompson „Broken-Heart Solutions“ erworben (Das Herz ist die Epidemie des 20. Jahrhunderts) und schon ist ein Bund geschlossen.

Durch das Fenster sah er sie in der Pelzjacke, die sie auch trug, als sie dieses Haus das letzte Mal verlassen hatte. Nicht aus freien Stücken hatte sie es verlassen, schließlich hielt die Welt draußen nichts für sie parat. Sie hatten aber nicht mehr das Geld um sie zu beschäftigen und hatten sie entlassen, ihr die weiße Pelzjacke geschenkt, die inzwischen reichlich grau geworden war.

Das flache Gesicht, gerötet von dem kalten Wind, der grazile Hals, dessen Anmut immer schon in groteskem Widerspruch zu ihrem gedrungenen Körper gestanden hatte, wie ein Kern von Schönheit, die unter anderen Lebensumständen hätte erblühen können. Ihre Einsamkeit war vollkommen und er hatte keinen Zweifel, dass sie, außer bei Besorgungen und Einkäufen, in den letzten Jahren kaum mit Menschen gesprochen hatte.

Ein Wagen hielt neben ihr. Zwei Männer saßen vorne. Sie sah nicht zu ihnen hin, aber aus jeder Faser ihres Körpers sprach das Wissen um ihre Existenz. Mit einer hastigen Bewegung strich sie sich eine graue Locke aus der Stirn und schritt langsam hinter eine steinerne Umfriedung. Thomas folgte dem Wagen mit den Augen, einen Augenblick später tauchte Frau Stein wieder auf und es schien ihm, als hätte sie sein Gesicht im Fenster bereits bemerkt.

Frau Stein ist lange Zeit bei der Familie beschäftigt bis eines Tages die Rente, unter der Inflation spärlich geriet und die Existenz in Gefahr stand, war Blut dicker als Tinte und die Anstellung damit beendet worden.

Thomas Heiselberg, ein wortgewandter und weltläufiger Karrierist, arbeitet bei einem amerikanischen Marktforschungsunternehmen. Dann tritt eines Tages das NS-Außenministerium an ihn heran: Man ersucht ihn, eine Studie über den „polnischen Volkscharakter“ zu erstellen.

Alexandra Weißberg aus Leningrad verkehrt unter regimekritischen Intellektuellen. In der Illusion ihre beiden Brüder an der Front retten zu können, arbeitet sie am Ende mit dem stalinistischen Geheimdienst zusammen.

Am Vorabend des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion kreuzen sich die Lebenswege von Thomas und Alexandra. Beide sind sie kultiviert, gebildet und anpassungsfähig – und beide machen sich, aus ganz unterschiedlichen Beweggründen, zu Handlangern menschenfeindlicher Regime…

Brodskis Haus ist abgebrannt, Serioscha und ich haben geholfen, das Feuer zu löschen. Es wird vermutet, dass es eine Sache mit Kerzen war, weil der Hausherr schrecklich zerstreut sich nur um seine Bücher kümmert und nicht auf das Feuer achtet. Dem Hauseigentümer geht es gut, er bleibt unverletzt, schlottert aber wie ein Karnickel. Sascha macht Kolja seinen Grießbrei und Wlada eine Scheibe Brot mit Marmelade. Sie bieten dem plötzlich obdachlos gewordenen Brodski, in ihrer Wohnung zu übernachten, wo bereits schon zwei Paare wohnen und warten auf seine Antwort…

Bibliologie:
dtv
Nir Baram, Gute Leute, 
Deutscher Taschenbuch Verlag, 
Roman.
aus books.google.com

Sehnsüchte und Irrungen:
„Neun Tage in Lissabon“

Lissabon, 1985: Vincent Balmer, Korrespondent einer französischen Zeitung, soll gemeinsam mit seinem Freund António Flores, einem Pressefotografen, über den Prozess gegen einen Serienmörder berichten. Doch interessiert die beiden Männer vor allem ihr privates Lebensglück, in der Gegenwart wie auch in der Erinnerung.

António hat Erfolg bei Frauen und ist zudem in Vincents Ex-Freundin Irène verliebt. Seine große Liebe hatte er einst in der jungen Pata gefunden. Doch damals herrschte Salazar, die Moralregeln waren streng und Pata plötzlich verschwunden. Vincent scheint kein Talent für das Leben zu haben; was er sich vornimmt, gelingt meist nicht. Er übersetzt zum Zeitvertreib Texte des portugiesischen Dichters Montestrela und täuscht António gegenüber eine neue Liebschaft vor. Er kommt auf die Idee – ohne dass António davon weiß -, Pata in Lissabon aufzuspüren. Neun Tage verfolgt Hervé le Tellier die Sehnsüchte und Irrungen der beiden Freunde, hintergründig beleuchtet er ihr Glück und Unglück. Seine Helden scheinen sich auf einer Odyssee zu befinden, während der die Liebe am rettenden Horizont immer wieder entschwindet.

Neun Tage in Lissabon ist ein anspielungsreiches, elegantes, sehr kluges Buch über das Leben, die Liebe und natürlich auch Lissabon, die Stadt, die mit ihrer einzigartigen Strassenbahn San Franciscos Brücken die Schönheit streitig macht, denn mehr als schön kann wirklich nichts mehr sein. Ausserdem hat auch Lissabon gleich den anderen Mittelmeeranrainerstaaten längst ihre düstere Diktaturvergangenheit hinter sich gelassen, ist international und gestattet sogar vertraglich „Yoga für Katzen“.

Bibliologie
dtv
Hervé le Tellier, 
Neun Tage in Lissabon, 
Roman, dtv premium.
Eine Rezension lesen Sie bei Perlentaucher.
Eine zweite Rezension lesen Sie in der Literatur-Ecke der Neu Zürcher Zeitung.