Archangelsk | Robert Harris

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1. Zeitgeschichte einer Stadt:
Neben der Fiktion geht der Leser in der Stadt Archangelsk spazieren und erlebt die Stimmung, als die Sowjetunion in den Köpfen noch existiert hat
und das moderne Russland mehr als nur Moskau erlebte.
2. Atmosphärisch:
Die Stadt Archangelsk kann sehr kalt sein nicht nur im Winter. Der Buchumschlag verbreitet eine unheimliche Atmosphäre neben winterlicher Kälte.
3. Übersetzung:
Eine Anmerkung über die Geschichte der Stadt wäre interessant.
4. Robert Harris:
Geboren am 7. März 1957 in Nottingham, England ist Robert Dennis Harris Journalist, Sachbuchautor und Schriftsteller. Er studierte am Selwyn College
der Universität Cambridge englische Literatur. Später arbeitete er als BBC-Korrespondent, als politischer Redakteur bei der Zeitung „The Observer“ und als
Kolumnist beim „Daily Telegraph“. Er ist zur Zeit als ständiger Kolumnist der „Sunday Times“ tätig; Sein erster Roman „Fatherland“ (Deutsch: „Vaterland“)
erschien 1992; er spielt 1964 im Berlin eines nationalsozialistischen Deutschlands, das den Zweiten Weltkrieg nicht verloren hat. Der Roman wurde im
Schweizer Haffmans Verlag in deutscher Übersetzung veröffentlicht und fand in Deutschland aufgrund der als problematisch wahrgenommenen Thematik zunächst
keinen Verlag. Erst 1994 wurde das Buch im Heyne Verlag München als Taschenbuch veröffentlicht. „Vaterland“ war der erste Bestseller von Robert Harris
übersetzt in 30 Sprachen und mit einer Auflage von mehr als 6.000.000 Exemplaren.
Auch in seinen anderen Romanen nimmt Harris historische Ereignisse als Grundlage für die Handlung und vermischt Fiktion und Wirklichkeit. Er erzählt die
Lebensgeschichte Ciceros in der Trilogie „Imperium“ (2006), „Titan“ (2009) und „Dictator“ (2015). Der Autor ist bemüht um möglichst große Faktentreue und atmosphärische Dichte.
„Ghost“, ein Roman über den Ghostwriter eines Politikers, wurde als Abrechnung mit dem früheren britischen Premierminister Tony Blair gewertet, mit dem
Harris lange Zeit befreundet war. Der Regisseur Roman Polanski verfilmte den Roman 2010 mit Ewan McGregor als Ghostwriter und Pierce Brosnan in der Rolle
des Politikers Adam Lang. Mit der Drehbuchvorlage für „Der Ghostwriter“ gewannen Polanski und Harris den „Europäischen Filmpreis“.
Nach dem Brexit-Referendum trat Harris der Labour Partei bei.
Das Buch über die Dreyfus-Affäre „The Officer and the Spy“ verfilmte Polanski 2019 unter dem Titel „J´accuse“ unter Beteiligung von Harris als
Drehbuchautor. Der Film wurde 2019 in Venedig mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet.
Robert Harris ist verheiratet und hat vier Kinder. Zurzeit lebt er mit seiner Frau Gill Hornby und zwei Kindern im englischen Berkshire. Sein Schwager ist
der Schriftsteller Nick Hornby.
Robert Harris ist Preisträger: des „British Press Award“ 2003, des „International Thriller Award“ 2008 für Best Novel für „The Ghost“ (Deutsch: Ghost, Heyne
München 2008), „Europäischer Filmpreis“ 2010 in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ für „Der Ghostwriter“ (gemeinsam mit Roman Polanski), „César“ 2011 in der
Kategorie „Bestes adaptiertes Buch“ für „Der Ghostwriter“ (gemeinsam mit Roman Polanski), „Walter Scott Prize“ 2014 für „Intrige“, „César“ in der Kategorie
„Bestes adaptiertes Drehbuch“ für „Intrige“ (gemeinsam mit Roman Polanski).
Andere Romane von Robert Harris sind: „Enigma“ (1995), „Pompeij (2003), „Angst“ (2011), „Intrige“ (2013), „Konklave“ (2016), „München“ (2017),
„Der zweite Schlaf“ (2019).
Das Wort „Archangel“ (Deutsch: „Aurora“, übersetzt von Christel Wiemken, Heyne, München 1998), das ist der englische Titel des von mir besprochenen Kriminalromans
bedeutet Erzengel und Archangelsk (nordrussische Stadt).
5. Tatorte und Reiseziele:
Archangelsk; Moskau.
6. Stalins letzte Stunden und die Zeit danach:
Der Autor erzählt eine fantastische Geschichte über das Erbe Joseph Stalins, die sich glaubwürdig anhört und
sich in realen Standorten ereignet.
Stalin soll an einem Schlaganfall gestorben sein. Kronprinzen gab es viele, die wenigsten haben es lange überlebt.
Es geht um die Zeit des Kalten Kriegs und um die Zeit danach, die Last der Vergangenheit auf neue Wege, die sich
vor allem im Verhalten des Einzelnen, die die alte Zeit entweder bewusst oder durch die Erziehung erlebten,
manifestiert.
Der Kriminalroman thematisiert die Vererbung von Intelligenz als Spiegelbild von Aggression.
Drei Buchfiguren sind zentral für diesen atmosphärisch dichten Roman: Fluke Kelso, der Historiker, Pappu Rapava, Berias Chauffeur und Bodyguard und
Feliks Suvorin, der Polizist.
Ein Mythos über persönliche Papiere Stalins, ein Gerücht über seine letzten Stunden, ein fiktiver Augenzeugenbericht und die explosive Atmosphäre einer
bereits alternden Sowjetunion umgeben eine Emotion des Misstrauens und eine Vision der Endgültigkeit. Der Augenzeuge ist der persönliche Sicherheitsmann von
Lawrenti Beria, der Interessent ist der Historiker Fluke Kelso, der Jagd auf das private Notizbuch von Josef Stalin macht, nicht nur aus historischen Beweg-
gründen, sondern vor allem aus Ehrgeiz, das Besondere zu entdecken und es der Welt zu Füßen zu legen.
Gewalt ist implizit und explizit zugleich. Pädophilie ist Part des Plots und des Komplotts, der über Umwege und in den 50er Jahren beginnend in der nord-
russischen Stadt Archangelsk sein Countdown erlebt. Verschwörungselemente verbinden das Gegenwart-Russland des Buchs mit der Sowjetunion von damals oder
mit den Erinnerungen an sie und der Wahrnehmung der Zeit, als es die Sowjetunion noch gab. Die Person Stalin bildet das Zentrum der Erzählung über das post-
kommunistische Imperium, das auf die Vergangenheit der letzten 50 Jahre blickt in Anbetracht der Folgen und Spätfolgen für die russische Föderation. Der Roman
skizziert den Geheimdienst (KGB), als wäre er die Karikatur seines Selbst, seine Verstrickungen mit der Polizei sind dabei nicht ausgeschlossen. Die Pflichten
der Polizei sind neben dem Observieren auch das Abhören verdächtiger Kaltkrieger oder Besucher aus dem Ausland. Die Skepsis über die Zukunft demokratischer
Prozesse im modernen Russland ist ein fester Bestandteil dieser Fiktion.
„Archangel“ konzentriert sich auf Effekte und deren Visualisierung mit dem Ziel die Spannung auf hohem Niveau zu halten und ununterbrochen Adrenalinschübe
zu erzielen. Das Tabu dieses Buchs kristallisiert sich allmählich heraus: es ist die Familie und die Geschehnisse in ihren Mauern; sie ist wie die Krypta
einer Kirche, wobei Religion im sowjetischen Kommunismus einen peripheren Stellenwert hatte. Das Heiligtum wird dem klassisch motivierten Einzelgänger
belagert, der von Neugier getrieben die Privatsphäre von Personen auf Unterlagen, Bildern, in Häusern und Gärten, in Städten entmystifizieren will.
Der Brite Fluke Kelso verkörpert diesen aufklärenden Einbrecher, der sich anmaßt die Grenze der Erinnerungen zu überschreiten und Hobby-Ermittler zu spielen.
Kelso wird mit dem modernen Russland konfrontiert aus der Hochglanzzeitschrift einer Metropole-Ermittlungsbehörde mit Personalengpässen auf der Suche
nach veruntreuten Geldern und ein wenig Gerechtigkeit.
Das Haus, in dem das Notizbuch Stalins versteckt wurde, war Lawrenty Berias, später beherbergte es die Botschaft der Republik Tunesien, noch später wurden
skelettierte Leichen bei Bauarbeiten gefunden, die die Leute als Opfer stalinistischer Gewalt definierten.
Die menschlichen Ruinen aus der Stalin-Ära befinden sich in Konfrontation mit der Polizei, den Milizen und der Öffentlichkeit, im desolaten Zustand auf der
Suche nach ihrem zerfallenden Leben. Eine klaustrophobische Atmosphäre umzäunt das Drinnen und das Draussen. Die Altersflecken des Geheimdienstes schaufeln die
Vergangenheit unter die Erde, die nicht tot ist (Robert Harris, Archangel, S. 166), sie geistert weiter in den Köpfen. Währenddessen flickt die Polizei
die Löcher und exorzisiert die Geister, auf daß sie nicht wieder auferstehen.
„Archangel“ bietet nicht einen Moment des Gleichgewichts, das Erzählen ist ein Balanceakt. Der Text ist auf Stufen gebaut, die sich aufwärts, plötzlich
abwärts und dann wieder zurück bewegen.
Die Geschichte hinter dem Tagebuch ist die junge Frau, die von Archangelsk nach Moskau gebeten wird. Auf Anordnung Stalins steht sie ihm zu Diensten und
unterhält sich mit ihm. Anna Mikhailovna Safanova ist die Autorin dieses Tagebuchs von dem Moment an, dass sie Moskau besucht und Stalin ein Auge auf sie
wirft (1951, zwei Jahre vor seinem Tod). Sie soll tot sein, aber ihr Sohn, Vater unbekannt, lebt irgendwo in den Sumpfwäldern ausserhalb von Archangelsk
mit seinen Adoptiveltern.
Das Buch ist halbiert in zwei Städte: Moskau und Archangelsk*.
*Die Hafenstadt Archangelsk hat 400.000 Einwohner, liegt am Ufer des Flusses Dvina und hat von Ende Oktober bis Anfang April Schnee. Bis zum Zusammenbruch
des Kommunismus war Archangelsk eine geschlossene Stadt, verboten für alle auswärtige Besucher. (aus Robert Harris, Archangel)
Kelso wird die Wahrheit in der nördlichen Stadt erfahren und wird gleichzeitig mit dieser Wahrheit abschließen. Auch von diesem Teil der Wahrheit, der sich
mit dem Fehlen sozialer Komponenten im menschlichen Verhalten, eines Schuldbewußtseins, eines Verantwortungsbewußtseins, eines Verständnisses für Gewalt und
ihre Folgen, beschäftigt, wird sich distanzieren.
Die Archive der kommunistischen Partei dienen als Informationsquelle über das mysteriöse Mädchen aus Archangelsk und ihre Familiengeschichte. Die Archive
verschweigen die verrohten Sitten, die Alltag sind. Die Moskauer Polizei fungiert wie ein Torwächter an der Peripherie, in ihrer Rolle als ermittelnde
Behörde wird sie alleine gelassen. Sie wird das Bauernopfer in diesem Buch.
Der Text ist pure Stimulanz ohne Unterbrechung; bis zur Begegnung mit dem Mann im Wald, dessen Intellekt eines Kindes, jegliche Struktur sprengt. Wenn ich den
Text mit einem Bild bekleiden könnte, wäre er ein Kleiderschrank aus Mottenkugeln, denn er präserviert Altes.
Der Journalist in diesem Roman und der Historiker brechen ins ferne Archangelsk auf mit dem Auto, treffen eine alte Frau und finden einen Friedhof in der
Wildnis. Sie jagen der Frage nach der Möglichkeit vererbter Aggression gestrandet in einer gottverlassenen Gegend, in der Telefonverbindungen ausfallen.
Der Countdown ist auf dem Weg zurück nach Moskau, hier erreichen die Effekte ihr Crescendo und die Fiktion ihr Finale mit der Frage ob Einzelgänger den Weg
bestimmen.

7. Hinweis auf Wirtschaft:
Tourismus.
8. Literaturhinweis: Robert Harris, Archangel, Jove Books/Penguin, ISBN: 0-515-12748-5, New York 2000.

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