Spiegelberg Roman einer Generation | Michael Göring

LITERATURANGABE:

Autor: Michael Göring
Verlag: Osburg Verlag
Übersetzung: ./.
Erschienen: Hamburg 2016
Umfang: ./.
Preis: €./. (de)
ISBN: 978-3-95510-104-6

BUCHCOVER

Ich sehe die Welt von oben Wenn jedes Buch eine Annäherung wäre, ist die Summe der Annäherung der Versuch die Kreuzung, wo man sich trifft, zu finden. Denn zum Lieben gehören zwei mit all ihren intensiven Erfahrungen, ihrer Vergangenheit und ihr Alter ohne Kompromisse. Akrobaten ähnlich wie Grenzüberschreiter gehören dazu.

ZIELGRUPPE

Lebensklug, geistreich und mit großer sprachlicher Sensibilität wird der Kampf der Protagonisten mit dem Anspruch auf Selbstbestimmung einerseits und den Zwängen der eigenen Biografie andererseits. Die Traumata der Generation der heute 50–60-Jährigen, der sogenannten Babyboomer, werden aufgezeigt. Eine Generation, die sich im revolutionären Aufbruch wähnte, um sich dann doch häufig mit Erwartungen zu begnügen. Spiegelberg animiert zum Deutsch lernen und Deutsch als Fremdsprache wäre eine Geschichte reicher.

Kiki’s Rezension: Spiegelberg Roman einer Generation

EINLEITUNG

Wie die Gemeinde mit den ersten Einwanderern umgeht und wie sie Exotik definiert gehört zur Auseinandersetzung des Romans mit den Themen Eigenes und Fremdes. Der Bericht zwischen 1965 und 2015 über eine Generation, die dahinsiecht und die, die übrigbleiben, zerstritten sind in ihrer Liebe für ihren Geburtsort und in ihren Erinnerungen an die Vergangenheit.

 

INHALTSANGABE

Martin steht vor der Entscheidung seines Lebens: Soll er die Professur in Boston annehmen? Alles einfach hinter sich lassen und in der Ferne glücklich werden? Da zwingt ihn der Tod seines Jugendfreundes in eine andere Richtung. Der Besuch in der alten Heimat wird für ihn und seine Partnerin Nina zu einer Zeitreise in die Vergangenheit. Hier, in der Siedlung Spiegelberg, hatte alles begonnen. Sieben Freunde, Freunde fürs Leben; die 60er und 70er Jahre, wilde und in vieler Hinsicht katastrophale Jahre zwischen Gewalt, Zurückweisung und sprachlosen Eltern, noch erfüllt von den Schrecken des Krieges. Martin erkennt, dass ihn sein Ursprung bis heute gefangen hält. Und nicht nur ihn. Hat es überhaupt einer der Freunde jemals geschafft, seine Vergangenheit und den Spiegelberg hinter sich zu lassen? Erinnerungen, Beziehung, Gespenster, Gräber, Sinnestäuschungen, Schweigen, Beerdigungen und zwei Hinterbliebenen, Nina und Martin. 50 Jahre nach den sechzigern und siebzigern Jahren ist der Friedhof von Spiegelberg der einzige Platz für die Toten – und für die Lebenden – im Fluß des Lebens.

 

INHALTSANALYSE & CHARAKTERISIERUNG

Es gibt Hausgewalt in vielen Abstufungen, die nicht gemeldet wird. Grausamkeit, Kleinlichkeit, die Elterngeneration der sechziger Jahre in all ihren Facetten rechtfertigt ihr Tun. Sie wird schnell alt. Sie nimmt ihre Sterblichkeit wahr. Die Kindergeneration folgt ihr. Die Generationen entfremden sich, Ansichten verkrusten. Der Schnitt durch die Generationen ist unwiderruflich.

Die Sorge um das Wohlwollen manifestiert sich in Gewalt, Misstrauen, Unsicherheiten, Unausgesprochenes, verborgene Wünsche, Vorurteile; all das gehört zum Alltag. Wie ein Weg, wie eine Karte durch einen Friedhof, dessen Gräber Geschichten erzählen, sobald man sie wachruft. Psychische Gewalt und körperliche Gewalt sind Gewohnheit. Letztere wird von ersterer bei aufsteigendem Alter des Kindes ersetzt, doch Gewalt bleibt Gewalt.

Leben und Sterben in frühen und in späten Zeiten, als die Kindheit noch geblüht hat oder das Älterwerden das Heute und das Morgen verblassen ließ. Die frühen Tode der ehemaligen Spielgefährten halten die Überlebenden fest am Ort und proben ihre Alterslosigkeit. Jähzorn verjährt nicht, seine Konturen lassen sich schärfer nachzeichnen, die Verschonung seines Ausbruchs sucht und findet nicht Streitschlichtung, kein Frieden bei älteren und neueren Grabstätten. Es fehlen die Worte, die erklären. Es ist unmöglich Beziehungskrisen zu verbalisieren, Emotionen zu begreifen. Kindheit war das nicht, das Erwachsenenwerden schritt zügig vor sich und färbte Stimmungen früh grau. Unvollendete Liebesbeziehungen, die die Gegenwart und ihre Forderung nach Wegen ertränken malt das Bild eines Romans der Lebenschancen und die (Un)möglichkeit der Mobilität.

Das späte Erwachen der Sexualität vielleicht aufgrund der alltäglichen Gewalt lässt das Leben in den sechziger Jahren festfrieren. Je später das Jahrzehnt, desto weniger Bindungen werden sichtbar. Nach dem Erzählen der persönlichen Geschichten kommt das Schweigen und der Tod ist sein Bote. Die Zeit scheint still zu stehen und die Ereignisse rahmen sie ein, während der Erzählfluss passiert. Jeder dieser einmal jungen Generation fügt sich Schmerzen zu, nachdem ihnen als Kinder wehgetan wurde. Was bleibt und nicht sprachlos ist, sind die Narben. Und die neue junge Generation, die von der Trauer nicht erreicht wird.

Mechanisch wird der Trauer entgegengeblickt, mechanisch wird der Traurigkeit entgegengetreten.

Der Friedhof wird zum Treffpunkt, sagt Martin zu Nina, in Michael Göring, Spiegelberg, S. 311, das sind die zwei Überlebenden einer Kindergruppe. Martin flieht ein Leben lang vor der Tat, die er beging in der Kindheit. Nina konfrontiert das Unbewältigte mit Sarkasmus und Geheimnisse mit Schweigen.

Der Rest ist Kopfkino mit Anteilen aus einer entfernten Realität.

 

FAZIT

Annäherung Spiegelberg beleuchtet eine Epoche, einen Ort, Lebensweisen. Frühe 60er Jahre; Mobbing in Klassen, Schlägereien, Alltäglichkeiten. Der Anspruch eine Reaktion hervorzuholen ist omnipräsent. Ein Mensch schafft es, Francoise Sagan zu widersprechen. Gegen die Strömung der Tristesse, gegen den Strom der Modellhaftigkeit. Reihenhausidylle adieu. Flachmänner bevorzugt. Was fehlt sind die Szenenbeschreibungen und die stilistischen Stimmungsaufheller zwischendurch.

Was noch fehlt sind die Toten, Wolfgang, Sebastian, Ilona, Heiner, Paul. Und die Kinder.

Ort der Handlung:

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