Anil´s Ghost | Michael Ondaatje

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Amalgamieren

Eine Frau aus einer Traditionsgesellschaft trifft Vergangenheit und Gegenwart in einem Fall um Leben und Tod.

Das Verlies

Licht am Ende des Dunkels ist der Beginn der Hoffnung.

Übersetzungsvorschlag

Das Nachwort des Autors mit den Danksagungen, Quellen und Literaturhinweisen und sein Vorwort über den Bürgerkrieg in Sri Lanka zwischen den mitachtziger und den neunziger Jahren.

Michael Ondaatje

Geboren am 12. September 1943 in Colombo, Sri Lanka ist Michael Ondaatje kanadischer Staatsbürger niederländisch-tamilisch-singhalesischer Abstammung (ethnische Gruppe der Burgher). Er zog 1954 mit seiner Mutter nach England und 1962 nach Kanada, wo er später die kanadische Staatsbürgerschaft annahm.

 

Universitäten in Toronto und Kingston

Ondaatje erlangte den Bachelor of Arts (BA) an der Universität Toronto und den Master of Arts (MA) an der Queen´s University in Kingston (Ontario). Er ließ sich in Toronto Mitte der 1960er Jahre nieder; er lehrte von 1971 bis 1983 an der York University und dann am Glendon College in Toronto. Der „Order of Canada“ wurde ihm zweimal verliehen; 1988 und 2016.

 

Seine Romane bestehen aus Schnappschüssen

von miteinander verbundenen Szenen, die er sprachlich äußerst detailreich erforscht. Insbesondere Ondaatjes frühe nicht oder nicht ausschließlich poetischen Werke „The Collected Works of Billy the Kid“ und „Coming through Slaughter“ zeigen eine bild- und metaphernreiche Sprache, die stark von seiner Herkunft als Dichter geprägt ist. Ständige Wechsel der Erzählperspektive und der Ereigniszeit sowie der Handlungsstränge prägen diese Werke noch stärker als Ondaatjes spätere Romane.

 

Poesie in Ondaatjes Werk

Während Ondaatje im deutschsprachigen Raum als Autor von Romanen bekannt wurde, umfasst sein Gesamtwerk auch poetische und filmbezogene Werke. 1970 erschien „Sons of Captain Poetry“ über den kanadischen Dichter B.P. Nichol. Im Jahr 1980 gewann „There´s a Trick With a Knife I´m learning to Do:Poems 1973-1978“ den „Governor General´s Award für Dichtung“.

 

Kriegslicht

Positive Worte für seinen Roman „Kriegslicht“ (2018) kamen von Thomas E. Schmidt: „Der Roman sei so geschickt erzählt, wie es sonst nur John le Carré einfädelt.“

 

Familie

Mit Kim Ondaatje (erste Ehe) hat er zwei Kinder. Seine zweite Ehefrau Linda Spalding ist ebenfalls Schriftstellerin.
Michael Ondaatje ist der Bruder des Schriftstellers, Philanthropen, Abenteurers, ehemaligen Unternehmers und ehemaligen Teilnehmers an den Olympischen Spielen Christopher Ondaatje.

 

Werke

Michael Ondaatje hat u.a. geschrieben:
„In the Skin of a Lion“ (Deutsch: „In der Haut eines Löwen“ 1987), „Running in the Family“ (Deutsch: „Es liegt in der Familie“ 1992), „Coming through Slaughter“ (1975), „The English Patient“ (Deutsch: „Der englische Patient“ 1992), „Anil´s Ghost“ (Deutsch: „Anils Geist“ 2000), Divisadero (2007), Auszug „Die Brücke“, in: „Kanada fürs Handgepäck. Geschichten und Berichte. Ein Kulturkompass“, Hrsg. Anke Caroline Burger, S. 187-208 (2010), „The Cat´s Table“ (Deutsch: „Katzentisch“ 2012), „Warlight“ („Kriegslicht“ 2018).

 

„The English Patient“ wurde verfilmt

von Anthony Minghella (1997). Der Film wurde mit neun Oscars ausgezeichnet, darunter mit dem „Academy Award“ für den besten Film.

 

Auszeichnungen

Michael Ondaatje bekam folgende Auszeichnungen: „Governor General´s Award for Poetry“ für „The Collected Works of Billy the Kid:Left-Handed Poems“ (1971), „First Novel Award“ für „Coming through Slaughter“ (1976), „Governor General´s Award for Poetry“ für „There´s a Trick With a Knife I´m learning to Do: Poems 1973-1978“ (1980), „Officer of the Order of Canada“ (1988), „Trillium Book Award“ für „In the Skin of a Lion“ (1987), „Toronto Book Award“ für „In the Skin of a Lion“ (1988), Booker Prize für „The English Patient“ (1992), „Trillium Book Award“ für „The English Patient“ (1992), „Canada-Australia Prize“ für
„The English Patient“ (1992), „Governor General´s Award for Fiction“ für „The English Patient“ (1992), „Giller Prize“ für „Anil´s Ghost“ (2000).

 

Michael Ondaatje ist Ehrenmitglied

der „American Academy of Arts and Letters“ (2000), der „Amor-Asteroid (6569) Ondaatje“ wurde nach ihm benannt (2006). Er bekam den „Governor General´s Award for Fiction“ für „Divisadero“ (2007), „Companion of the Order of Canada“ (2016), Benennung der sri-lankischen Spinnenart „Brignolia ondaatjei“, einer
Zwergsechsaugenspinne, „Golden Man Booker Prize“ für „The English Patient“ (2018, Sonderpreis, ausgewählt aus 50 früheren Preisträgern).

Quelle

Wikipedia: deutsch, Lemma: Michael Ondaatje.

Tatort und Reiseziel

Sri Lanka; Hauptstadt Colombo; Ekneligoda; Arankale; Ratnapura; Nadesan; Bandarawela.

Missing

Eine international tätige Menschenrechtsorganisation, das Zentrum für Menschenrechte in Genf, beauftragt die forensische Anthropologin Anil Tissera, geboren in Sri Lanka ausgebildet in England und Amerika, 15 Jahre fern der Insel, eine endlose Serie von Morden zu untersuchen in Zusammenarbeit mit einem lokalen Archäologen, der im Auftrag der Regierung arbeitet. Ziel der Zusammenarbeit ist die Quelle der organisierten Mordkampagnen,
die die Insel erschüttern, zu entdecken; Täter und Auftraggeber könnten regierungs- oder guerrillafreundlich sein und die Bereitschaft die Morde aufzuklären gering trotz offiziellen Auftritts.

„You had and still have three camps of enemies-one in the north, two in the south-using weapons, propaganda, fear, sophisticated posters, censorship.“(zit. Michael Ondaatje, Anil´s Ghost, S. 17).

Die Öffentlichkeit in ihren politischen Dimensionen wird in ihrer Verbindung zur forensischen Pathologie präsentiert, an mehreren Stellen (zit.: Michael Ondaatje, „Anil´s Ghost“, S.25).

„Sailor“

Viele Tote werden gefunden, viele sind skelettiert, einer davon bekommt den Spitznamen „Sailor“. Anil zweifelt an der Unparteilichkeit ihres Kooperationspartners. Der Archäologe Sarath arbeitet zwar für die Regierung, doch er bezieht keine Stellung für die Regierung oder für die Rebellen in der kriegerischen Auseinandersetzung. Laut seiner Aussage sei er neutral.

„From the mid-1980s to the early 1990s, Sri Lanka was in a crisis that involved three essential groups: the government, the antigovernment insurgents in the south and the separatist guerrillas in the north.“ (zit. Author´s Note in: Michael Ondaatje, Anil´s Ghost, Bloomsbury Publishing London 2000)

 

Rückblick auf ein geteiltes sehr altes Land

Die Ermittlung im quasi fiktiven Setting von „Anil´s Ghost“ findet im späten 20. Jahrhundert während einer politischen Zeit und eines historischen Moments statt mitten in einem geteilten sehr alten Land unruhig durch den anhaltenden Bürgerkrieg – etwa 1980 bis 1990 -, der wie der Autor in seinem Prolog schreibt in anderer Form auch nach 1990 weitergeht.
„Anil´s Ghost“ (Deutsch: „Anils Geist“) ist ein politischer Roman, der die Herkunft des Autors und das Wissen, das daraus entstehen kann, miteinbezieht.

Wind, Regenfälle, der Monsun und Wasser sichtbar und verborgen bestimmt den Alltag der Insel.

Kontinuum

Der Fließtext besitzt lyrischen Anspruch, das Thema scheint der Poetik zu widersprechen bis der Schleier der Worte die Wahrheit preisgibt. Der Clash zwischen Archäologie und Forensik erreicht seinen Höhepunkt in der Zeit des Todes, bei der Vermessung des Alters der Toten, deren Sprache ihre Körper sind. Viel Ritual bewohnt die Seiten, Genuss ist Bedürfnis, alltäglich, Kontinuum.

 

Gedankenkonstrukt

Anil gefangen in einer gefährlichen intimsten Umarmung, die auch nach Beendung der Beziehung als Gedankenkonstrukt fortdauert, protegiert diesen Bereich als ihre Privatsphäre. Diskrepanzen zwischen wissenschaftlichen Bewegungen auf Sri Lanka und der Wahrnehmung Asiens als historischen Kontext in Europa sind Teil der Erzählung als Grundlage der
Ausbildung des Archäologen Sarath.

 

Der Epigraphist

Auf ihrer Suche nach der Identität von „Sailor“, der ermordet, teils verbrannt und umgebettet wurde, wahrscheinlich um nicht gefunden zu werden, treffen Sarath und Anil Saraths alten Lehrer, den Epigraphisten und Archäologen Palipana, der zurückgezogen in den Ruinen eines Klosters im Wald aus dem 6. Jahrhundert lebt, 20 Meilen von Anuradhapura entfernt. Der blinde Palipana soll „Sailors“ Schädel untersuchen, um den Weg die Identität des Skeletts zu bestimmen.

 

Anils Perspektive

Anil fühlt sich wie eine Aussenseiterin in ihrem Geburtsland Sri Lanka, während sie international zu Hause ist. Die Macht der Information schwindet vor Sprachdefiziten, ungewißen Gesetzen, einer omnipräsenten Angst und zahlreichen Abweichungen. Anil sieht in dem Toten einen Repräsentanten der anderen Anonymen, sie begreift sich in der Verantwortung ihm einen Namen zu geben, einen Sinn definieren, um sich von Trauer und Angst zu entfernen und den Rest der Namenlosen benennen zu können.

 

Sinnlichkeit inmitten von Massengräbern

Lyrische Einflüsse falten sich wie ein Schleier entlang der Geschichte , die wie ihre Protagonistin auch anders hätte heissen mögen (Anil war nicht erster Name), denn sie flirtet mit den Sinnen mitten in der Stille der Toten. Die Dialoge sind wie eine Tonbandaufnahme, die Stimmen stehen unter Zwang, die Gespräche sind kurz und leidenschaftslos.
Massengräber verbargen die Identität der Menschen, wie sie gestorben sind, wer sie waren. Proteste von Menschenrechtsorganisationen waren fruchtlos. Listen dokumentieren
Vermisste und Mordopfer.

„International investigations don´t mean a lot.“ (zit.: Michael Ondaatje, Anil´s Ghost, Bloomsbury London, S. 45)

 

Tamil und Umgangsformen

Der Konflikt zwischen Anil und Sarath, der älter ist als sie und die Umgangsformen Sri Lankas kennt, macht die Suche zäher, stoppt sie aber nicht. Anil ist lange fort gewesen, spricht und versteht nicht mehr Tamil und eckt mit ihrer puren Anwesenheit an.
Das Englisch des Romans, in dem sich Anil zu Hause fühlt, ist sehr gewählt und mit Sorgfalt platziert.
Die forensischen Untersuchungen werden durch die Existenz prähistorischer Knochen und die Umbettung der Überreste aus der Gegenwart erschwert.

 

Der eine Tote gibt Anil Rätsel

auf: er ist höchstens vor 5-6 Jahren gestorben, partiell verbrannt wahrscheinlich sogar bei lebendigem Leib, gefunden zwischen uralten Skeletten und er ist das Opfer eines Mordes. Die Relativierung der Wahrheit so wie andere sie vertreten kollidiert mit Anils Aufklärungskampagne, die Knochen sprechen zu lassen. Provisorische Maßnahmen, weil ein Arzt vor Ort fehlt, werden beschrieben unter anderem in Verknüpfung mit dem Leben der Familien von Vermissten.

 

Ein Land im Kriegszustand,

sein Rhythmus schlägt zwischen Not, Überleben und Sterben, in der Mitte die weibliche Hauptfigur, die sich neu erfunden hat in einer lasziv erotisierenden Entwicklung, die heimliche und offene Verehrer hat. Anil kultiviert einen Abstand zwischen Heimatland und gewähltem Wohn- und Arbeitsland, dabei lässt sie Vieles zurück. Es ist vorwiegend durch ihren Beruf, dass der Leser Anil kennenlernt. Mit der Entscheidung zeitweilig bindungsfähig zu sein bekennt sie sich zur forensischen
Anthropologie, die Liebe, die alle anderen Lieben und einen Hauch von Sex überschattet. Im Niemandsland des Todes und des Lebens namens Sri Lanka leben viele Augenzeugen, die schweigen.

„The country existed in a rocking, self-burying motion. The disappearance of schoolboys, the death of lawyers by torture, the abduction of bodies from the Hokandara mass grave. Murders in the Muthurajawela marsh.“ (zit.: Michael Ondaatje, Anil´s Ghost, Bloomsbury London, S. 157).

Die Straßensperre

Bei einer Straßensperre wird Anils Handtasche durchsucht und Batterien entnommen. Fast wie ein Kleinkind untersucht der Soldat die verstreuten Inhalte langsam und detailverliebt. Eine Atmosphäre der Abwesenheit, des Gefühls etwas unwiderbringlich verloren zu haben durch Entfernung, Vergesslichkeit oder Tod, verbreitet sich in Räumen und bei Menschen.

In den erotischen Szenen wird Poetik zelebriert und melancholische Töne sind das Nonplusultra des Daseins.

Sinhala Sprache

Eine Übereinkunft mit dem Tod gilt, Stille, Frieden, Sehen erleben. Der unterschwellige Konflikt entsteht im persönlichen Bereich durch die unterschiedlichen Charaktere; der Archäologe Sarath z.B. geht und schläft in seinen Gedanken, kommuniziert
wenig mit seiner Arbeitspartnerin, aber er kann sich mit anderen Leuten in der Sinhala Sprache unterhalten, das ist eine Sprache, die Anil nicht mehr beherrscht.

 

Markers of Occupation

Die Identifizierung ist schwierig, es gibt nämlich sehr viele Vermisste; in dem Buch konzentrieren sie sich bei der Untersuchung auf die „markers of occupation“ („Sichtzeichen für Beschäftigung“) und nicht auf den Schädel, um den namenlosen Toten seine Identität zurückzugeben. Die Prozedur ähnelt einer Ausgrabung, die vorsichtig Elemente zusammenfügt und eine Identität feststellt.

 

Der Kokon als Nest

Die Begegnungen, Kontakte, Untersuchungen, Ängste, Abhängigkeiten sind eine Offstage-Schlacht gegen den Krieg, der auf der Insel tobt. Die Illusion der Sicherheit zerbröckelt und belagert die sich als sicher definierenden Kokons wie Familien oder Individuen innerhalb einer Gruppe wie ein Krankenhaus. Beispiele: Saraths Familie und Geminis (Saraths Bruder) Existenz im Krankenhaus.

Es wird von den Grenzen der Medizin anhand persönlicher Beispiele in einem Kriegsgebiet berichtet, die ausser Mordopfer und Täter zu identifizieren sich anstrengen, Schlangenbisse, Tollwut, Nierenversagen, Enzephalitis, Diabetes, Tuberkulose und Cholera zu behandeln. (lese auch Michael Ondaatje, Anil´s Ghost, Bloomsbury London, S. 243).

Der Abschied vom Lebenslauf

Unglückliche und verkannte Liebesbeziehungen machen aus dem Text einen langen Abschiedsbrief, dessen Worte Enttäuschung schreien. Sie enthüllen den Schleier der Vergangenheit. Der gewöhnliche Charakter der häufigen Bluttaten, erleichtern Anil den Abschied; sie wird Sri Lanka verlassen, wie sie die Insel schon einmal verlassen hat. Was sie zurücklässt, ist Teil ihres Lebenslaufs. Mitten in einer Zeit des Zorns, der sich gegen Menschen und Kulturgut richtet, gibt es viele Geister, das sind die Menschen, die es nicht mehr gibt.

 

Die politische Dimension des Buddhismus

Sri Lanka ist Anils Geist und Anils Traum. Die Menschen, die sie trifft auf dieser Reise, tot oder lebendig, verkörpern den Geist Sri Lankas und die Entfernung, die Anil zwischen der alten Heimat und ihrem neuen Ich gezeichnet hat. Hier demonstriert der Buddhismus seine politische Dimension. Unsichtbare Fäden warten auf Rekonstruktion und das Ende der Blindheit unter Menschen.

Der Applaus gebührt der Forensik, in diesem Roman erfährt sie ihre Grenzen durch politische und gesellschaftliche Freiheitseinschränkungen und kulturell-spirituelle sowie religiöse Einflüsse, die ihr Arbeitsspektrum einengen.

 

Hinweis auf Wirtschaft

Tourismus, Bildungsreisen, Ethnologie, Studium

 

Biblio

Michael Ondaatje, Anil´s Ghost, Bloomsbury Publishing, ISBN: 0-7475-4865-X, London 2000.

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