Forensische Linguistik | Eine Verarbeitung von Kyriaki Sparr

FORENSISCHE LINGUISTIK – EINE ANNÄHERUNG

Die Forensische Linguistik ist eine Unterdisziplin der angewandten Linguistik, die sich mit Themen an der Schnittstelle von Sprache, Gesetz und Verbrechen befasst. Zu ihren Forschungs- und Arbeitsbereichen zählen die Identifikation von Sprechern durch Stimmanalysen, das ist die forensische Phonetik. Forensische Linguistik untersucht ebenfalls Texte in Ermittlungsverfahren mit der Absicht, ihre Autor:in zu identifizieren. Texte können Erpresserbriefe, Bekennerschreiben, Geständnisse, Testamente oder Plagiate sein. Weiterhin untersucht die forensische Linguistik unter anderem die Verständlichkeit von Gesetzestexten und die Sprache vor Gericht.

 

FORENSISCHE LINGUISTIK UND RECHTSLINGUISTIK IN DEUTSCHLAND

Im deutschsprachigen Raum wird zwischen forensischer Linguistik und Rechtslinguistik unterschieden. Die forensische Linguistik befasst sich im Vordergrund mit sprachlichen Phänomenen als Gegenstand kriminalistischer Ermittlungsverfahren. Im Vergleich analysiert die Rechtslinguistik die Sprache des Rechts als Element der juristischen Fachkommunikation. Teile dieser Kommunikation können Gesetzessprache, Richterkommunikation und Sprache in Verwaltungsbehörden sein. Im Gegensatz zum deutschsprachigen Raum gibt es diese Unterscheidung zwischen forensischer Linguistik und Rechtslinguistik im angloamerikanischen Raum nicht. Hier werden alle Themen unter „forensic linguistics“ behandelt.

 

A CASE FOR FORENSIC LINGUISTICS – DER BEGINN EINER NEUEN WISSENSCHAFT

Jan Svartvik beschreibt den Einsatz linguistischer Methoden, um einen Serienmörderfall zu untersuchen. Es ist das Jahr 1968. Damit führt er den Terminus „forensische Linguistik“ zum ersten Mal ein und markiert die Anfänge der Disziplin. Ab den 1980er Jahren folgen Publikationen im deutschsprachigen Bereich, z.B. von Hannes Kniffka.

 

FORSCHUNGS- UND ARBEITSBEREICHE DER FORENSISCHEN LINGUISTIK

Ein zentraler Bereich der forensischen Linguistik ist die Bestimmung der Identität eines möglichen Autors von Texten. Rechtliche Relevanz besitzt die Autorschaft von Texten wie Bekennerschreiben, Droh- und Erpresserbriefen, Plagiaten, Testamenten und Abschiedsbriefen bei Suizid.

 

BESTIMMUNG DER AUTORSCHAFT VON TEXTEN

Die Sprache einer Person hängt unter anderem von Faktoren wie Bildungsgrad, Sprachkompetenz, geographischer Herkunft, Berufsausbildung, Geschlecht, Alter und soziologischem Umfeld ab. So kann der Kreis der Täter durch Untersuchung sprachlicher Besonderheiten von Texten wie Stil oder die Art und Zahl der Fehler eingegrenzt werden. Nichtsdestotrotz gibt es keinen sprachlichen Fingerabdruck. Erstens können sprachliche Eigenheiten in der Regel nicht eindeutig einem Individuum zugeordnet werden. Zweitens verändert sich Sprache im Lauf des Lebens im Gegensatz zu einem Fingerabdruck. Deshalb ist ein sprachlicher Fingerabdruck nicht als eindeutiger Nachweis einer Täterschaft zu definieren. Andererseits ist der Einfluss der Sozialisation auf die Entwicklung der Sprache ein individueller Prozess der Verarbeitung und der Interaktion mit äußerlichen Reizen. Daher identifiziert Sprache Personen mehr als ursprünglich angenommen. Die Eindeutigkeit ist größer trotz der an dieser Stelle fehlenden DNA Signatur.

 

METHODEN DER BESTIMMUNG

Analyse des Stils

Die Autorschaft kann bestimmt werden durch Stilanalysen, Fehler- und Inhaltsanalysen sowie Analysen von Handschriften. Bei der Stilanalyse werden Auswertungen zur Wortwahl verwendet. Das heißt die Verwendung von Fremdwörtern, Regionalismen, Archaismen, die Analyse der Syntax, das sind verwendete Satzarten, Satzlänge und Satzkomplexität.

 

Analyse der Fehler

Die Fehleranalyse besteht aus der Untersuchung individueller Abweichungen von der sprachlichen Norm in Orthografie, Interpunktion, Morphologie, Semantik und Syntax. Die Bewertung von Fehlern muss sich außerdem auf die Möglichkeit einer falschen Autorschaft konzentrieren, weil der Autor eines Textes durch fingierte Fehler versuchen kann, einen anderen Autor vorzutäuschen.

 

Analyse der Inhalte

Im angloamerikanischen Raum kommt zusätzlich die Inhaltsanalyse von Texten zum Einsatz. Im Vordergrund bei der Bewertung von Abschiedsbriefen oder Zeugenaussagen. An dieser Stelle spielt die Struktur der Erzählung, der Detailreichtum, die Wortwahl oder die Einbettung in Zeit und Raum eine Rolle.

 

Das Thema Glaubwürdigkeit

Forensische Linguisten können Inkonsistenzen in Zeugenaussagen aufzeigen, dennoch nicht eindeutig die Glaubwürdigkeit eines Zeugen bewerten. Sprachliche Auffälligkeiten können darauf hinweisen, dass eine Person lügt, jedoch ist es ebenfalls möglich, dass die Person sich nicht genau erinnert oder ihr Aussagen suggeriert wurden.

 

Quantitative Methoden

Statistische Analysen von Texten. Der Linguist Jan Svartvik analysierte die Polizeiprotokolle im Fall John Evans. Zunächst erstellte er eine Statistik der komplexen und einfachen Satztypen in den Protokollen. Letztendlich konnte Svartvik den Schluss ziehen, dass es sich bei den Formulierungen im Protokoll, das Evans Geständnis enthielt, eher um die Formulierungen des aufnehmenden Polizeibeamten als um die Sprache des Beschuldigten handelte. Aufgrund dieses Gutachtens wurde Evans posthum freigesprochen.

 

Qualitative Methoden

Falls nur wenige kurze Texte vorliegen, können statistische Methoden nicht angewandt werden. An der Stelle sind qualitative Methoden erforderlich.

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