Back Up/Paul Colize

1. Back Up:
Fiktion über den Werdegang einer Musikband und die Zeit nach der Musik.
2. Die Swinging Sixties:
Rückblende. Schlagzeilen. Persönliches. Biographien.
3. Übersetzung:
Das Nachwort enthält Informationen über Bücher, Musikstücke und Recherchen des Autors.
4. Paul Colize:
1953 in Brüssel geboren ist Paul Colize Autor von Kriminalromanen.
Er ist Preisträger des Prix Saint-Maur en poche (2013), Prix de Boulevard de l´Imaginaire (2013), des Prix Landerneau Polar (2013), des Prix Polars Pourpres (2013)
Prix Plume de Cristal (2016), Prix Arsene Lupin (2016), Prix de lecteurs Sang d´Encre (2016), Prix Michel-Lebrun (2020).
Paul Colize hat unter anderem geschrieben:
Le sanglots longs (1999), Un long moment de silence (Prix du Boulevard de l´Imaginaire 2013, Prix Landerneau Polar 2013 und Prix Polars Pourpres 2013) ,
Concerto pour 4 mains, Toute la violence des hommes (Prix Michel-Lebrun 2020) und Back Up.
Paul Colize lebt in Waterloo, in der belgischen Region Wallonien.
5. Tatort und Reiseziel:
Berlin; Brüssel; Paris; Montreux; Wien; New York; Dartford.
6. 1967:
„Pearl Harbor“ ist eine talentierte Band aus Großbritannien, die durch kleine europäische
Clubs tourt. Stationen ihres Engagements sind Großstädte wie Brüssel, Paris, London, Berlin.
Auf der Suche nach dem einen Hit, der weltbekannt macht, gefangen in dem Strudel des
Konflikts zwischen „Old School“ und täglich neuen Trendwellen, berauscht vom Gefühl, die Freiheit
mit jeder Pore auskosten zu können, gegen Alle sich wehren zu wollen, hohe Wellen zu schlagen,
die andere mitreißen, in harter Konkurrenz zu zig Bands der Rockszene auf der Suche nach
Engagements in den populärsten europäischen Städten der damaligen Zeit, bekommt „Pearl Harbor“
einen mysteriösen Auftrag, der sich als tödliche Falle entpuppt. Alle Musiker sind „stoned“ und halten sich wach durch einen Mix
aus Drugs und Medikamenten. Kurz nach diesem Auftritt sterben alle vier Bandmitglieder innerhalb weniger Tage unter unerklärlichen
Umständen, die trotzdem als Folgen eines Unfalls oder aus natürlichen Ursachen
oder Selbstmord klassifiziert werden; nur der Back-Up Schlagzeuger, der den krank gewordenen Schlagzeuger dieses eine Mal ersetzte, überlebt.
Die Koinzidenz der Tode wird als Zufall eingestuft. Die Polizei findet im Blut Alkohol, Diazepam, Kodein, Morphin und andere Substanzen aber
keine Hinweise auf einen Zusammenhang und keine Hinweise auf Fremdeinwirkung,
so legt sie die Todesfälle zu den Akten. Ein irischer Journalist schöpft Verdacht und ermittelt im Rockmusik- und Drogenmilieu der „Swinging Sixties“
in London, Berlin und Paris.
2010:
Vierzig Jahre später wird ein scheinbar Obdachloser Opfer eines Autounfalls und in kritischem Zustand in
eine Brüsseler Klinik eingeliefert. Eine Schwester auf der Intensivstation macht den Oberarzt darauf aufmerksam, dass ihr Patient trotz seiner
äusserlichen Erscheinung bei Einlieferung kein Obdachloser ist. Die Diagnose lautet: „Locked-in-Syndrom“.
Der Mann kommuniziert durch Blinzeln, verschweigt seine Identität und scheint
Angst zu haben; wach, bei vollem Bewußtsein, Intellekt intakt, er könnte sehen und hören, aber aufgrund einer völligen Lähmung kann er sich weder
artikulieren noch bewegen. Die einzige Bewegung, die er ausführen konnte, war mit den Augen zu blinzeln. (zit.: Paul Colize, Back Up, Nautilus Verlag,
S. 48) Immobilisiert, tetraplegisch, von Komplikationen gefolgt, flieht er in seine Erinnerungen und bleibt ein Pflegefall, den die Klinik auf eigenen
Kosten übernimmt.
Seine Erinnerungen führen zurück in die 1950er Jahre seiner Jugend, seine ersten Platten, seine Liebe zum Schlagzeug, die Unterstützung
seiner Mutter, sein Leben als Schlagzeuger in London, Paris und Berlin, „Sex, Drugs & Rock ´n´ Roll“. In Berlin trifft er eine folgenschwere Entscheidung,
weil er Geld braucht: den Gelegenheitsjob als Back-Up für den krank gewordenen Drummer der englischen Band „Pearl Harbor“ für eine einzige nicht öffentliche
Plattenaufnahme anzunehmen.
Nur dem Pfleger und Physiotherapeuten Dominique in der Rehabilitationsklinik gelingt es die Barriere zum
Patienten zu überwinden und mit Hilfe eines Alphabets Kontakt herzustellen mit diesem Menschen, der mehr in stummer Erinnerung lebt
auf der Suche nach seiner verschütteten Identität.
Eine Spurensuche im Milieu der Rockmusik der sechziger Jahre, die eine persönliche Geschichte sichtbar werden lässt, wird erzählt.
Die Rückblenden, die ihre langen Schatten auf die Lebensläufe werfen, sind persönlich. Die Geschichte der Rockmusik und ihrer Strömungen begleitet
sie entlang der Strecke. Wie eine in Nischen bekannte Rockband diese Jahre überleben könnte, erzählen die Buchzeilen.
Das Gesetz der Serie und ein Zusammentreffen besonderer Umstände haben mit den Todesfällen viel gemeinsam. Die Tode sind im Zweifel natürlich, ein
Zufall, Suizid und die Polizei war demzufolge nicht nachlässig.
Die Langzeitwirkungen von Drogensucht werden bei der Spurensuche im Milieu der Rockmusik der „Swinging Sixties“ angedeutet; hedonistischer Ansatz, Flucht-
bereitschaft, Apathie, Gefühllosigkeit und Bindungsarmut begleitet das Leben und das Sterben.
Die Spur führt in einen Club im englischen Sektor in einer Nebenstraße des Kurfürstendamms, die von amerikanischen Studenten und Soldaten frequentiert
wurde. „Pearl Harbor“ trat in dieser Bar auf und sang Standards aus dem amerikanischen Repertoire. Ein Teil ihrer Gage gaben sie für illegale Betäubungsmittel
aus. Kurz vor ihrem Tod baten sie um Sonderurlaub. Sie hatten ein anderes Engagement angenommen, dass sie geheim hielten, um Konflikte mit ihrem aktuellen
Arbeitgeber zu vermeiden.
Angst vor der Stille und Angst vor Bindung markierten ein Leben im Nirvana ohne Geld und Karma.
Zwei Geschichten wie Parallelen, die im Zusammenhang stehen, die aber niemals sich treffen werden. Innen und Außen, die Story des Schlagzeugers, die keiner
erfahren wird bis auf die Worte, die er buchstabieren kann, und die Story der Aussenwelt, in den 1960er Jahren und im Jahr 2010, wie die Anderen sie erleben.
Die Stimmung ist die während eines Verlustes, die Atmosphäre ist wie bei jemandem, der sich verlaufen hat, desorientiert und trotzdem lustvoll bei gesell-
schaftlichen Themen, weil es ums Mitreden geht, ums Erleben. Der Trend war Musik, es gab Follower, es gab Hörer, es gab Interpreten und es gab Pseudo-
Intellektuelle.
Der Kult Image zu pflegen war triebhaft und narkotisierend, zerstörerisch und laut, die Sachbeschädigung als Randerscheinung schloss vielleicht doch
eine Versicherung mit ein. Die Anekdoten aus der Geschichte des Rocks sind Teil dieses Kriminalromans. (zit.: Paul Colize, Back Up, Nautilus, S. 349,
Nachwort)
Unzählige Musiker, starke Konkurrenz, Talent und Geldsorgen tragen zum Tempo bei; Schlagzeuger, überhaupt Musiker, die nicht bekannt waren, waren aus-
tauschbar. Sie erreichten nicht die Schlagzeilen, ausser sie waren tot, wie in diesem Buch beispielweise. Ein Journalist, ein Privatdetektiv, ein
Krankenpfleger, ein Musiker suchen nach der verlorengegangenen Spur der Selbstmorde, die keine zu sein scheinen. Der einzige Überlebende leidet unter
den Folgen schweren Medikamenten- und Drogenmissbrauchs; er kann ein unzuverlässiger Zeuge sein, der unter Halluzinationen leidet.
Angezweifelt wird die Echtheit der Tonbandaufnahmen. Der Einfluß frisierter Tonbandaufnahmen auf Publikum wird diskutiert. Die physiologischen
Störungen, die Infraschall verursacht, und akustische Täuschungen durch Phantomwörter werden recherchiert (zit.: Paul Colize, Back Up, Nautilus, S. 270-271).
Alkoholismus wird verhüllt bzw. kaschiert. Der Konsum von Drogen wird mit zunehmendem Alter reduziert. Die betroffene Buchfigur liest wieder. Die Gefahr
des Verfolgungswahns ist das Damoklesschwert über dem Patienten mit dem „Locked-In-Syndrom“. Die Menschen, die phasenweise versuchen ihm zu helfen, sind
von seiner Lebensgeschichte gefesselt und sehen ihn als Opfer, das entschädigt werden muss.
Die These, die toten Musiker und der tote Agent seien Opfer eines Komplotts der CIA, wird als Verschwörungstheorie verstanden und nicht weiter beachtet.
Physiotherapie und Psychiatrie treffen sich in einem Rehabilitationszentrum als behandelnde Disziplinen eines Langzeitdrogenabhängigen. Jacques hat mit
einer Band in Berlin eine Platte aufgenommen und er versucht zu erklären, was in diesem Studio vorgefallen ist, weil er den Verdacht hat, dass das aufge-
nommene Stück „frisiert“ wird ohne ihre Einwilligung.

Dieses Buch geht universell den Lebensläufen von Musikern nach in ihren jungen vielleicht erfolgreichen
und ihren älteren mehr oder weniger erfolgreichen Jahren nach. Eine Kriminalgeschichte im Hintergrund,
die von einem Hauch geheimdienstlicher Aufträge begleitet wird, konzentriert sich die Handlung vor allem auf
die Folgen von unterschiedlich bedingten Gesundheitsschäden auf die Lebensqualität in späteren Jahren,
wenn der Körper gealtert ist. Der Anspruch ist Retrospektive kleiner und großer Musikträume einer legendär
gewordenen Epoche, die Blumen und Macht vereint hat.
Pearl Harbor auf Hawaii wird zu einem Geisterort, obwohl es ihn wirklich gibt. Der Name des Ortes wird übernommen und
umfunktioniert in den Namen einer Gruppe, die Musik interpretiert. Die Inhalte werden durch die Nuancen
prädominiert, wie Geldnot Entscheidungen erzwingen kann, die man sonst nicht treffen würde, so auch bei
der Band „Pearl Harbor“ in diesem Kriminalroman. Innenräume und anonyme Straßen bekommen die Intensität der
Amnesie, die manchmal über Menschen hereinbricht, wenn sie ihre Reisen verdrängt haben und sich vielleicht lediglich selektiv erinnern.
Städte bleiben Komparsen bis der Leser sie entdeckt.

Hawaii ist mein Traumreiseziel und nicht erst seit diesem Krimi.
Schlagzeug vibriert und Töne fliegen.
Das Ich taucht auf aus der Gischt der Erinnerung und trägt die eigene Lebensgeschichte ans Ufer.
Kyriaki Marati-Sparr Buecher-Logbuch

7. Hinweis auf Wirtschaft:

Tourismus.

Sonstige Hinweise:
Altenpflege/Geriatrie/Physiotherapie/Psychiatrie.

8. Literaturhinweis: Paul Colize, Back-Up, Nautilus Verlag, ISBN: 978-3-89401-822-1, Hamburg 2015.

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