Hitze | Victor Jestin

LITERATURANGABE

 

Autor: Victor Jestin

Verlag: Kein & Aber AG

Übersetzung: Sina de Malafosse

Erschienen: Zürich 2020

Umfang: 160 Seiten

ISBN: 978-3-0369-5828-6

 

BUCHCOVER

Eiskaltes Wissen und das Grab im Sand

Sonne. Meer. Hitze. Die einzige Klarheit ist der Gegensatz. Hitze ist hier eiskalt. Verwirrt die Sinne. Blendet den Verstand. Orientierung bleibt auf der Strecke. Nicht nur die räumliche Orientierung, sondern vor allem die Orientierung in dem Ich. Auf diesem Campingplatz ist etwas schiefgelaufen und das sieht nicht so aus, als ob die Leute erfahren werden, was das Problem ist.

 

Der Tod und die Sorglosigkeit

Keiner weiß es, auch der Zeuge nicht. Der Tod durch Licht und Sand verhüllt ist mitten in einem lebenstrotzenden Raum von ahnungslosen Urlaubern. Gefangen in Regenbogen Projektionen. Sie sehen ihn nicht, weil er unsichtbar ist. Sie wissen nicht, dass einer anders ist als sie. Es ist er, der weiß und sein Wissen für sich behält. Er jongliert mit seinem Wissen, als wäre es ein Ball. Soll er sein Wissen mit jemandem teilen? Soll er sein Wissen mit niemandem teilen?

 

ZIELGRUPPE

Das Schweigen und die Fragen

Ein Buch für Jugendliche ab 16? Ja. Und ein Buch für junge Erwachsene. Aber auch die Elterngeneration von Leuten wie Léonard, Oscar, Luce und andere, die im Buch charakterlich nicht vorkommen, liest diesen kleinen Roman. Sie überlegen sich, was Schweigen bewirkt. Die Figur des Léonard rutscht im Sand aus. Eine Unmöglichkeit? Nein. Seine Entscheidung, Oscar zu vergraben, lässt ihm keine Ruhe. Sie verleitet ihm zu Gedanken, Irrungen und Wirrungen, Verhaltensweisen, situative Gewalt. 160 Seiten werfen viele Fragen auf und machen Leser:innen nachdenklich.

 

EINLEITUNG

Suizid oder nicht Suizid?

Ein junger Autor entwirft eine Szenerie der Auflösung. Auf einem Campingplatz ist nichts mehr wie es war vor dem Suizid eines Jugendlichen. Doch keiner weiß Bescheid über diesen Tod bis auf den Jugendlichen, der zufälligerweise Zeuge der letzten Lebensminuten geworden ist. Dieses Wissen belastet ihn und seine Beziehungen. Es macht aus ihm einen Zeugen voller Schuldgefühle und suggeriert ihm, dass er die Schuld trägt an dem Tod, weil er nicht eingegriffen hat, um den anderen zu retten. Als ob er ihn getötet hätte. Warum ist der Tote im Versteck? Wieso ist das Wissen um den Toten geheim?

 

INHALTSANGABE

Oscars Tod und Léos Augenzeugen Sein

Der 17jährige Léonard verbringt die Sommerferien mit seinen Eltern und Geschwistern auf einen Campingplatz an der französischen Atlantikküste. Seine Familie und die anderen Gäste genießen ihren Urlaub. Nur Leo hasst die Fröhlichkeit. Den Sommer. Das Wetter. Die Animationen. Und die Aktivitäten. Vor allem ekeln ihn aber die Gleichaltrigen, die jeden Abend am Strand feiern, sich betrinken und miteinander flirten. Zwei Nächte vor Ende der Sommerferien beobachtet Léonard den Selbstmord eines Jugendlichen, den er als Oscar kennt. Der Tod besucht auf absurder Weise den Campingplatz. Léonard denkt Oscar starb zufällig, als er versucht hat, sich sexuell zu befriedigen. Und vergräbt Oscar. Léonard denkt und schweigt. Kein Mensch weiß, was passiert ist.

 

Die Angst des Zuschauers

Er hätte den jungen Mann retten können, doch er schaut reglos zu. Léonard versteckt sogar die Leiche im Sand – warum, weiß er selbst nicht. Verfolgt von Schuldgefühlen und gelähmt durch die Angst, entdeckt zu werden, taumelt er durch die letzten Stunden der Ferien. Aber auch die unerträgliche Rekordhitze und die attraktive Luce lassen ihn nicht zur Ruhe kommen. Er ist reizbar. Seine Gedanken drehen sich trotz allem nur um eine Sache. Den begrabenen Toten und seine Selbstschuld.

 

INHALTSANALYSE & CHARAKTERISIERUNG

In der Hitze der Schuld

Die Hitze legt sich wie eine zweite Haut auf Menschen, Tiere, Gegenstände, auf Stimmungen. Auf die Natur. Sie benebelt den Verstand. Macht aus Wasser Feuer. Ist in der Luft. Sie ist ein Teil des Selbst. Unwiderruflich.

Die Hitze macht aus grau gelb, aus schwarz weiß, aus unschuldig schuldig.

 

Weiterführende Fragen

Welche Gefühle sollen beim Leser angesprochen werden?

Will der Autor den Leser an die Grenzen des Erträglichen führen?

 

Das Wissen um den Tod auf dem Campingplatz

Léonard verbringt seine Sommerferien mit seinen Eltern auf einem Campingplatz. Eine Idylle ist das nicht. Sie haben sich nicht viel zu sagen. Léonard ist zurückhaltend und spielt oft mit seiner Fantasie. Eines Abends wird er Zeuge des Selbstmords von Oscar. Die belastende Erkenntnis nichts unternommen zu haben, um seinen Kumpel zu retten, begleitet seine Tage bis zur Abreise. Ist Oscar tot, weil er ihn nicht gerettet hat? Wie hätte er sich einmischen sollen, wo Oscar sein Leben verlor bei einem bizarren Akt der sexuellen Befriedigung?

Trägt Leo die Schuld an Oscars Tod, weil er nur zugeschaut hat?

Liegt es an seiner morbiden Fantasie und Schaulust, dass er handlungsunfähig ist im Sinn der anderen?

 

Worum geht es eigentlich? Wollen die Urlauber es überhaupt wissen?

Geht es um Fühlen, wenn es möglich ist, bis an die Grenzen des Erträglichen und sogar darüber hinaus? Wer steht im Mittelpunkt? Der tote Oscar oder Léonard? Ist das Thema Suizid oder die Mitschuld? Welche Rolle spielen die anderen Figuren? Sind sie nur Komparsen oder steckt noch mehr dahinter? Symbolisieren sie erotische und sexuelle Versuchungen? Und ihre Haltungen zum Geschehen? Luce, die Versuchung, die vor seinem Tod mit Oscar zusammen war? Der Mann im rosa Kaninchen-Kostüm, der Léo ärgert und bedrängt, weil er ein Freudemacher ist? Louis, Léos temporärer Begleiter und Tinder-Abonnent? Zoé, seine On-Off-Freundschaft? Léos Eltern und Oscars Mutter?

Was geht ihnen durch den Kopf, wenn sie erfahren, was mit Oscar passiert ist und was Léo gemacht hat?

 

Kopfkino oder die Wahrheit? Will Léo sein Wissen teilen?

Was treibt Leo an, sich so zu verhalten wie er sich nach Oscars Tod verhält? Warum erzählt er anderen nicht von Oscars Tod? Was hält ihn davon ab, seine Eltern zu informieren? Warum ruft er nicht um Hilfe? Hat es damit zu tun, dass er minderjährig ist?  Die Verwaltung des Camping Platzes hätte ihm in seiner Ratlosigkeit eine Hilfe sein können. Wo ist die Polizei? Wovor hat er Angst? Wozu hat er Lust? Findet er an etwas Gefallen? Ist er ein rationaler Mensch oder lässt er sich von Emotionen treiben? Warum sagt er nichts? Was hat er zu verbergen? Sucht er den Mittelpunkt? Ist er traurig? Oder ist er einsam? Gräbt er den Toten, um ihn zu beschützen? Um ihn nicht mehr zu sehen? Will er ihn verstecken?

 

Die endliche Zeit

Ist mit dem Tod eine Zeit zu Ende gegangen, weil der Tote mit der begehrenswerten Luce befreundet war? Die Zeit vor Luce? Oder die Zeit nach Luce? Vor dem Sex? Oder danach? Nach dem Urlaub? Vor dem Tod (kurz)? Die Zeit nach dem Tod (lang)?

Man hat den Eindruck, dass der Autor den Roman in Fragen auflöst, die Leser:innen in Hitzewallungen versetzen, womit er hineingezogen wird in die Gesamtatmosphäre.

 

FAZIT

Léo oder Léonard der einsame Beobachter

Das Buch ist leicht verständlich in der Beschreibung extremer Handlungen. Zum Beispiel Entscheidungen. Gedanken. Verhaltensweisen. Bewegungen. Der Jugendliche, um den es geht, ist Léonard. Der Beobachter. Er handelt, nachdem alles vorbei ist. Und verstrickt sich in einen Plot der Schuld. Er fingiert eine Geschichte, die aus ihm einen handelnden Charakter macht. Schafft es, die passive Haltung aufzugeben. Brilliert in dem nicht geteilten Wissen, der einzige unter vielen zu sein, Fatalität erfahren zu haben, vielleicht. Ein Individuum in einer Masse entschließt sich die Einsamkeit zu verlassen, in dem es eine Geschichte konstruiert. Seine Geschichte.

 

Tatorte oder Reiseziele?

Das Département Landes ist in Südwestfrankreich. Es liegt in der Region Nouvelle-Aquitaine.

Dort ist der große Campingplatz, in dem die Geschichte aus dem Buch „Hitze“ sich ereignet. Der Campingplatz liegt wo das Département an dem Atlantischen Ozean angrenzt: im Westen.

Oscar begeht dort Suizid oder kommt zufällig bei einem Sex Spiel ums Leben. Wer soll es schon wissen? Nicht mal der Augenzeuge Léo ist sich darüber im Klaren, was sich ereignet hat. Und vergräbt den Toten im Sand.

Der Campingplatz ist in der Nähe der Stadt Dax.

Dax ist eine Stadt in der Region Nouvelle-Aquitaine in Südwestfrankreich nah der Atlantikküste. Dax liegt im Département Landes.

 

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