Labyrinth der Masken | Leonardo Padura

 

LITERATURANGABE

Autor: Leonardo Padura

Verlag: Unionsverlag

Übersetzung: Hans-Joachim Hartstein

Erschienen: Zürich 2006

Umfang: 256 Seiten

ISBN: 978-3-293-20364-8

Preis: #

 

BUCHCOVER

Es ist Sommer in Havanna. Das Leben spielt sich drinnen ab. Menschen sind nicht zu sehen. Doch ihre Spuren sind da, als wären sie vor kurzem aufgewacht. Als hätten sie sich vor einer kleinen Weile mit einem Buch entspannt. Die Hitze des Sommers ist überall. Drinnen und draußen, denn es summt kein kühlender Ventilator. Geschlossene Fensterläden lassen das Licht nicht passieren. Wie es draußen aussieht, sieht man nicht. Ist es vielleicht Nacht? Das natürliche Licht des Tages ist zurückgewichen. Künstliches Licht erhellt den Raum. Drinnen herrscht verwaschener Chic. Zerfall. Dekadenz. Vergangener Luxus. Nostalgie. Eine Ahnung von Gerüchen. Lässige Unordnung. Und der Hauch eines antiken Glanzes in einem stehengebliebenen Lebensraum.

 

ZIELGRUPPE

Für Menschen, die Kriminalromane als möglichen Weg zur Lösung eines Falls verstehen. Polizist:innen, die  geheime Literaturliebhaber:innen sind. Kuba atmet in jeder Pore dieses Krimis, der nicht unerwartet sensible Themen aufgreift. Politik und Religion verstehen sich in diesem Buch nicht. Sie sind gleichermaßen feste Bestandteile der Handlung. Elemente aus den Biographien von Menschen, die zeigen, wie es ihnen während der Revolution ergangen ist. Sie machen aus diesem Kriminalroman ein Kaleidoskop der Einflüsse. Alte und moderne Mythen vereinen sich zwischen den Zeilen und stellen die Insel als globalen Ort vor.

Dieser Krimi versteht sich als Maskenball ohne die Aura des Mainstream. Das sind die erfolgreichen Kriminalromane, die Bestseller werden.

 

EINLEITUNG

Mario Conde, der Polizist, steht im Mittelpunkt der Geschichte. Mit seinen Macken und seinen widersprüchlichen ethischen Grundsätzen verkörpert er die personifizierte Lust. Macht auszuüben und das Leben genießen. Anderen bleibt es verwehrt. Den vom Regime Verfolgten.

Die Freiheit der Ästhetik behält sich dieser charismatische Ordnungshüter vor und geht in Kuba verbotene Wege, weil es ihm gefällt.

Die Schönheit entdeckt Conde in einer gleichgeschlechtlichen Beziehung, die er geheimhält.

 

Der Generationenkonflikt

Literatur und Theater begleiten mit ihren Vertreter:innen den Weg der Insel Kuba durch Zeit, Poesie und Revolution. In ihrem Dickicht entfacht sich eine Tragödie des Generationenkonflikts vor den Augen der Leser:innen.

Es ist ein Wandern durch eine nicht mehr heile Welt und eine Stadt der diametralen Gegensätze zwischen Wohlstand und Armut ohne Mittelstand.

 

INHALTSANGABE

Mario Conde, Polizist in Havanna, darf wegen eines Vergehens nicht als Ermittler arbeiten, sondern muss Karteikarten beim Erkennungsdienst ausfüllen. Als ein Jogger den Transvestiten Alexis Arayan im Stadtwald von Havanna ermordet entdeckt, setzt Condes Chef die Disziplinarstrafe aus. Damit er diesen Fall übernehmen kann. Bei einem Besuch von Alexis Freund Marqués erfährt Conde, dass das Opfer kein Transvestit war, sondern sich nur gelegentlich verkleidete.

 

Das missverstandene Opfer

Alexis war einfach homosexuell. In der Nacht des Mordes war er unterwegs in einem roten Kleid. Wie der Regisseur Marqués Conde erklärt stammt das Kleidungsstück aus der Inszenierung der „Electra Carrigo“. Die Suche Condes nach dem Täter scheint Früchte zu tragen. Der Hauptverdächtige ist in Reichweite. Aber Conde weiß nicht, wer er ist. Währenddessen führt ihn Marqués in die Welt der Homosexuellen und Transvestiten ein, die Conde an seinen Sinnen zweifeln lässt.

 

INHALTSANALYSE & CHARAKTERISIERUNG

Mitten in der Atmosphäre eines geschäftigen und lauten Straßenspiels, das überraschenderweise nicht Fußball ist, sondern Baseball, beginnt dieses Buch nicht mit einer Ermittlung. Sondern mit der Freizeit des Polizisten Mario Conde. Unter einer Sonne ohne Ende und in einem Stadtteil, in dem vieles bleibt wie es ist, z.B. die Jugendspiele, die Armut und die verschiedenen Formen der Illegalität.

 

Ein Haus wie ein Bühnenbild

Illusionen hat dieser Polizist nicht.

Strafversetzt in Schreibtischarbeit bewegt er sich privat in den Vierteln der ehemaligen Schulfreunde. Beruflich pendelt er zwischen Polizeipräsidium und Befragungen in Privathäusern aus früheren Glanzzeiten. Alberto Marqués, Alexis Freund und Geliebter, hat bei der Polizei eine dicke Akte, die sich aus Berichten der unterschiedlichsten Quellen zusammensetzt. Conde besucht Marqués und tritt in das Bühnenbild von Arthur Millers „Der Preis“ ein.

Die Einrichtung des Hauses ist einerseits eine Inszenierung, andererseits ein Statement und die Erinnerung an Theatererfolge eines Geächteten.

Mitten in einem verfallenden Ruhm, der seinen Bewohner und das Gebäude betrifft.

 

Die Ausgrenzung Homosexueller auf Kuba

Und während ein beurlaubter Polizist außerplanmäßig ermittelt, werden die Behörden doppelt aufmerksam. Sie sind schon informiert über seine Strafversetzung und sie wollen die Kontrolle über das Wissen behalten. Das regierungsnahe Verhörkomitee pflegt das Vertrauen in Condes Ermittlungsqualitäten nicht. Ihm geht es um die Ziele der Revolution, die Homosexuelle ausgrenzt. Es ist eine doppelte Ausgrenzung: eine politische und eine physische (der Mord).

 

Der Polizist und der Atheismus

Das Dogma findet sich in der Dekadenz. Homosexualität wird als Verhaltensanomalie abgestempelt. Idealismus wird verboten. Mittendrin der Polizist, der Möglichkeiten erwägt. Ist es Spaß an der Verwandlung? Die Intention der Täuschung? Lust am Verschwinden? Genauso mittendrin wie der Polizist findet sich der liturgische Kalender der katholischen Kirche.

Den Tag der Transfiguration, das ist das Fest der Verklärung Christi, feiern die Katholiken am 6. August.

Ist es Zufall, dass an diesem Tag ein toter Transvestit gefunden wird? Das lässt Mario Conde keine Ruhe.

 

Sprache und Metamorphose

Das Werkzeug Sprache wechselt seine Formen, wie jemand, der dabei ist, sich zu verkleiden. Von gewöhnlich bis kultiviert. Der Meister dieser verzückten Metamorphosen, z.B. wenn Männer in Frauenkleider erscheinen, ist der Protagonist selber. Sachlichkeit durchdringt das Gossenidiom, das durch die Seiten geistert. Während der Teniente (militärischer Rang) El Conde seine philosophische Ader pflegt, beginnt er zu realisieren, dass sein Interesse für die Menschen, für die er bisher Antipathie empfunden hat, wächst.

 

Das Regime gegen Homosexuelle und Transvestiten

Seine Abneigung gegenüber Homosexuellen und Transvestiten ist regimefreundlich.

Hans Mayer schreibt im Nachwort über die Legislation und Propaganda Fidel Castros gegen Homosexuelle als Agenten des amerikanischen Imperialismus.

Den Vorurteilen Condes gegen Homosexuelle liegt ihre Zuordnung als revolutionsfeindlich zugrunde.

Wie er ist und sich verhält ist Folge seiner Sozialisierung innerhalb des Revolutionssystems.

 

Kuba. Die Rolle der Religion und ihre Außenseiter

In diesem Kriminalroman geht es um Außenseiter. Wie ist es möglich zu definieren, wer keiner ist und wer dazu gehört? Ist die Kirche ein Außenseiter geworden, seitdem die Glocken nicht mehr läuten in Havanna? Sind Atheisten Außenseiter geworden, seitdem sie sich vom Glauben an Gott entfernt haben?

 

Die Purifizierung

Mario Conde geht nicht mehr zur Kirche, pflegt aber freundschaftliche Beziehungen zum Pfarrer der Familie Pater Mendoza. Kuba ist ein Land, das sich vorgenommen hat, durch Revolution zu verändern oder zu purifizieren. Die Kirche ringt um Gläubige. Beziehungen zu ehemaligen Kirchenmitgliedern wie Conde machen deutlich wie präsent die Religion ist in diesem Land.

 

Der Polizist und die Literatur in der Philosophie

Der Kriminalroman philosophiert unterwegs zur Lösungsfindung. Über Metamorphose. Verwandlung. Mittels Camouflage und Verkleidung.

Wer ist die perfekte Frau? Wo ist die perfekte Wahrheit hinter der Maskerade? Geht es um symbolische Handlungen?

Frau Sein oder Frau Schein? Das andere Gesicht? Der andere Körper? Das andere Selbst?

 

Das Spiegelbild und der Gedanke an Perfektion

Die Transvestiten erscheinen als Spiegelbild der Frauen. Der Mord richtet sich gegen Frauen und Männer in einer Doppelrolle. Die zwei Münzen (Pesos ist die Währung auf Kuba) symbolisieren Verachtung des Lebensstils des Toten und Entwertung des Körpers bei der Vollendung seines Unterschieds.

 

Der offizielle Kontrollwahn

Der antisoziale, pathologische Charakter, welcher der Homosexualität zugewiesen wird, steht außer Frage vor dem Verhörtribunal, das von dem Regime ins Theater geschickt wurde. Dieses Gremium suggerierte den Leuten Säuberungs- und Rehabilitierungsmaßnahmen. Das Theater wird hier zum Schlachtfeld der Denunziationen.

 

Das Spiel mit den Masken

Transformation kann darauf hinweisen, wie ein Land sich gesellschaftlich verändert und die Vergangenheit ausschließen will. Und dabei Außenseiter:innen als Schein seines Seins benutzt. Sie zieht ihnen sein Glaube an die Stufen der Metamorphose an, weil sie es am deutlichsten bestätigen.

In dem Schreibtisch des Opfers findet sich dann endlich die Bibel mit einer herausgerissenen Seite bei Kapitel 17 über die Verklärung Christi.

Sind Masken Gefäße, verkleidete Bedürfnisse? Transvestiten sind eine Metapher.

Der Außenseiter, der sie in diesem Buch kennenlernt, der Polizist Mario Conde, beginnt seine Sozialisierung zu hinterfragen, die diese Menschen abgelehnt hat.

 

Themen

Dämonisierung der Literatur. Poesie an der Peripherie. Willkür. Folgen von Regimetreue. Rausch der Sinne. Alkoholträume. Die Rolle von Paris als Ideal und Fernreiseziel. Sich verändernde Viertel. Die fehlenden Kirchenglocken. Kein frisch gebackenes Brot.

 

Personen

Matilde Rodriguez, die einzige Frau mit charakterlichen Konturen, die unterwürfig auftritt. Faustino Arayán, Alexis Vater und Diplomat, verwöhnt und stets um sein makelloses Äußeres bemüht. Er erachtet als notwendig, dass seine Frau und er den Jungen sehr viel alleine gelassen haben. Alberto Marqués, Alexis Geliebter und vergangene Theatergröße, der Geächtete, der in einem zerfallenden Haus wohnt. Der Künstler Salvador K., der sein Verhältnis zu Alexis dementiert. Manuel Palacios, genannt Manolo, der bessere Polizist mit den besseren Ideen. Carlos der Rollstuhlfahrer und Condes Freund, der Angst vor der Reaktion der anderen auf seinen körperlichen Verfall hat. Besonders der ehemaligen Liebe.

 

Das Opfer und sein Widerstand

Und das Opfer, Alexis Arayan. Durch die Tat entwickelt sich eine Dynamik, die die anderen Personen persönlicher werden lässt. Er tritt immer in den Erzählungen der anderen auf.

War das Opfer auf der Suche nach seiner Identität? Hat Alexis vielleicht Selbstmord begangen? War sein Auftreten Widerstand gegen die Eltern und Revolution gegen die Ausgrenzung?

Vor allem ist El Conde zu betrachten, der Vorzeigeermittler in der Polizei Havannas.

 

Der Polizist als Außenseiter und Instrument der Macht

Instinktiv, impulsiv, pflegt und maskiert seine Ressentiments. Kultiviert. Hedonistisch. Der melancholische Philosoph. Depressiv in der Hitze des Sommers. Einsam. Was passiert, wenn die Maske eines Menschen fällt? Oder sind es sogar mehrere Masken? Mario Conde nutzt Selbstbefriedigung, um den Gegenpart zu vermissen. Er ist gleichgültig bis impulsiv. Und verliert die Nerven. Er lässt sich vom Reichtum blenden. Seine intensiven Nachforschungen über die biblischen Zusammenhänge des Mordes irritieren die gesamte Belegschaft der Polizeistation. Maskenball. Die sexuelle Ausrichtung wird in Farbe verwandelt. Kopien verwandeln sich in kunstvolle Wiederholungen, der Traum der Wirklichkeit. Der Schwellenzustand eines perfekten Anti-Selbstbildnisses.

 

Jenseits der Abneigung

Mario Conde verabscheut Homosexuelle aus Prinzip und instinktiv. Er liegt damit im Trend, weil die kubanische Regierung Homosexualität ins Abseits drängt. Verwandelt sich seine Gesinnung im Laufe der Geschichte oder findet er Gefallen lediglich an eine Person aus diesem Kosmos ohne seine Abneigung abzulegen?

 

FAZIT

Der Kriminalroman ist eine Parabel auf das Land und seine Darsteller:innen jeder Fasson, z.B. Ordnungshüter. Vorgesetzte. Priester. Literaten. Zufällige Liebesbekanntschaften. Freunde aus der Kindheit. Verehrer echter Havannas. Regisseure. Frauen mit der Mentalität einer Dienerin. Männer in den Rollen einer Frau. Es verwandeln sich nicht nur Männer in Frauen, sondern auch festzementierte Ansichten über diese Menschen. Letztere Veränderung ist leise und kann sehr wirkungsvoll sein. Es ist ein individueller Weg, sich zu erneuern.

 

Des Täters Transaktion

Die Freiheit des Individuums wird eingeschränkt. Die Entscheidung als Transvestit zu leben ist einer Ware gleich. Der Täter raubt dem Opfer nicht nur sein Leben, sondern inszeniert den Mord als Transaktion zwischen Käufer und Verkäufer. Die zwei Münzen im Analbereich des Opfers sprechen Bände. Dass der Täter entlarvt wird, ist eine Glanzstunde Mario Condes, der geläutert durch den Krimi seinen individuellen Präferenzen folgt. Wie es sich versteht, privat.

 

Tatorte oder Reiseziele?

  • Stadtwald von Havanna: Dort wird Alexis Arayan tot aufgefunden.
  • Von Malecón bis ins Polizeipräsidium (Stadtzentrum)

Schlaglöcher, überquellende Mülltonnen, von Salpeter zerfressene Häuserfassaden, das Meer, das beruhigt, der schmutzige Fluß. Eine Route, die das Land aus seiner Schattenseite präsentiert.

  • Paseo del Prado: Alberto Marqués und Mario Conde gehen da lang. Es ist abends und Marqués hat Conde eingeladen, um die Gay-Szene in Havanna kennenzulernen.
  • Delicias und Buenaventura: zwischen diesen Straßen parken Conde und Palacios und suchen Marqués auf.
  • 7. Avenida, Miramar: das Elternhaus von dem Opfer befindet sich auf dieser Straße.
  • Calle Millagros 7: Marqués Behausung und
  • Paris Montparnasse: Erlebnisse fernab der Heimat, anonyme Genüsse, Revolution jenseits der Heimat.

 

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