Serotonin | Michel Houellebecq

Die Infos zum Buch

Autor: Michel Houellebecq
Verlag: Dumont Buchverlag
Übersetzung: ./.
Erschienen: Köln 2019
Umfang: ./.
Preis: €./. (de)
ISBN: 978-3-8321-8388-2

BUCHCOVER

Es sind viele Momentaufnahmen in einem Roman, der sich hauptsächlich mit dem Körper beschäftigt und die Auswirkungen von Serotonin im Wechselspiel mit Antidepressiva thematisiert.

Kiki: „Das Titelbild erinnert an Digitalaufnahmen einer Zelle beim Atmen.“

ZIELGRUPPE

Ist dies ein Buch für Männer oder Frauen oder beides? Paartherapeuten oder Einzeltherapeuten? Mediziner? Bauer? Treue Leserinnen? Leser, die provokante Zeilen vertragen, werden „Serotonin“ begrüßen. Das Buch und sein Stoff wollen auf einer Weise politisch präsent sein, dass jeder wissen müsste, worum es eigentlich dieses Mal geht.

Kiki’s Rezension: Serotonin

EINLEITUNG

Fast topographisch wandert der denkende Reisende durch das Gebiet und zeichnet seinen Weg; während der Fahrt und in der Begegnung mit Anderen überlegt er sich, inwiefern sich der Suizidgedanke vererbt, weil seine Eltern Selbstmord begingen. Der Autor polemisiert bagatellisierend das Lebensmotto der Titelfigur und ihrer Bezugspersonen am Rand oder innerhalb des Rahmens einer Lebenshaltung. Die unverschämte Indifferenz kreist um den Sex, der vermisst wird. Als passiver Demonstrant gegen den Verlust seiner Potenz erlebt der Protagonist seine einzigen Intermezzi; auf dem Weg ins Jenseits gestalten Frauenmodelle mit dem Potential Libidos aufzuwecken die Begegnungen mit dem anderen Geschlecht und auch mit Florent: die Jugendliebe Kate aus Dänemark, seine große Liebe Camille, die er betrügt, Tam, sein Seitensprung in Brüssel, Claire die reiche Erbin mit dem Alkoholproblem, seine spätere Partnerin Yuzu aus Japan, die er nicht liebt.

 

INHALTSANGABE

Die zentrale Figur dieses Romans der Mitvierzige Florent Claude-Labrouste, aufgewachsen in Paris entlang des Banlieus, träumt von triebgesteuerten Zusammenkünften sexueller Natur, die seit der Einnahme von Antidepressiva Wunschgedanken bleiben, weil er impotent geworden ist. Seine Suizidversuche ohne Rücksicht auf ansonsten betroffene Opfer sind erfolglos. Seine Position im Landwirtschaftsministerium betrachtet er als nichtig. Seine Arbeit dort ist unzumutbar, er verspürt keine Bedürfnisse, lediglich den Drang aus dem Leben zu scheiden. Geldprobleme hat er nicht und er wohnt oft im Hotel. Ein Mann, keine Frau, ein Medikament, ein Hormon, viele Erinnerungen und ein Plan, sich vom zu verabschieden. Seine Lebenssituation veranlasst ihn alte Freunde zu besuchen, während er an die Frauen seines Lebens denkt. Auf einer Reise durch Nord- und Südfrankreich wird er Zeuge einer Demonstration. Der Täter ist hier Anstifter. Der Täter, hier identisch mit dem Ich-Erzähler, ist ein Misanthrop; neckisch herablassend zu Frauen, vulgär und obszön wenn es feste Beziehungen betrifft, solo am entferntesten von seinem Ego, ein Rassist mit Zwitterstimme, der Medikamente schlucken muss.

 

INHALTSANALYSE & CHARAKTERISIERUNG

Der Ich-Erzähler Florent ist gesellschaftskritisch zwischen den Monologen über das Selbst. Das Zentrum ist die Kommunikationsblockade zwischen Frau und Mann. Wie berichten über die Geschehnisse im Alltag, währenddessen der Höhepunkt gesucht wird, um ihn wegen seiner Seltenheit zu mikroskopieren. Die Dekadenz der Obszönität ist omnipräsent. Aufgestaute Aggressionen in Gedanken ausgelebt, pornographische Exkursionen durch fremde Computer und eine zur Verachtung mutierte Antipathie gegen die Partnerin nötigen die Hauptfigur zu Mordplänen, wobei die Selbstzerstörungsvariante immer noch die erste Wahl bleibt. Am eklatantesten ist der Todeswunsch, verbunden mit seinen Erektionsstörungen, der oft genug wie in einem Spiel vorbeifährt; Fahrzeuge sind nicht selten in diesem Kontext die ersehnten Todeswerkzeuge.

Verwirrend ist die Mischung von privatem Leben und beruflichem Alltag inklusive der Ferien. Mit scheinbar rudimentärem Wissen kategorisiert der Reisende die Urlauber mit dem Blick eines gelangweilten Connaisseurs. Er provoziert mit seinen Ansichten die Anstandsgrenzen der Leser, während er seine Gleichgültigkeit zur Schau trägt.

Die Unverbindlichkeit der Beziehungen ist der Anfang vom Abschied. Es liest sich wie eine moralisierende Sextherapie, obwohl das Epizentrum das Ich in seiner Selbstentwürdigung im Spiegel philosophischer Andachten ist. Dieser Mann befindet sich auf Entzug vom Sex ohne Entzugserscheinungen, denn die Medizin fesselt körperliche Aktivitäten. Der Mann besitzt das Talent, Frauen peripher selektiv zu behandeln. Lese ich medikamentös bedingt hormonelle Schwankungen oder geht es um die multiplen Vergangenheiten eines Menschen, der seine Selbstmordphantasien vor der Ekstase verlebt.

Kiki: „Die Etappen eines anspruchsfreien Lebens verebben in Sackgassen.“

Das Spiel mit Rückblenden schließt Klischees mit ein, die herausfordern oder gleichgültig lassen; diese Klischees schwanken zwischen milieubedingter nationaler, beruflicher, regionaler oder individueller Färbung. Es ist eine Krise der mittleren Jahre, die Endzeitgedanken pausenlos unterhält; dabei ruft sie Nostalgie zum persönlichen Untergang hervor.

Die spärliche Nachhaltigkeit beginnt zu zerbröckeln im privaten Leben dieses Buches und die Saat überträgt sich auf die Gesellschaft. Nebensaisonale Besuche der normannischen Küste im Rausch ihrer Eigenheiten, werden älter vor dem Altwerden. Auf der Suche nach seinem Phallus in seiner explizit beschriebenen angekündigten Abschiedsphase nutzt er Phallusersatzobjekte, die einem Fetisch gleich sein Leben vor dem Tod, dem er verbal entgegenfiebert, erfüllen. Formlosigkeit und Ungewissheit ereignen sich in der Hoffnungslosigkeit seiner Existenz; bewusst vergleicht er diesen „Nebel“ der Leere mit der Landschaft, die ihn umgibt. Der Fortbestand der Landwirtschaft in Frankreich betrifft die bei Behörden tätigen Beamten und Angestellten nicht, wenn man die Hauptfigur des Romans zitiert.

Eine Parabel auf die (französische) Landwirtschaft, wie sie sich selber den Strom abdreht?

FAZIT

Kritik der Krise und Krise der Kritik sind präsent: gegen die Polizei, die Presse, die sozialen Medien und die europäische Union; die zwischenmenschlichen Beziehungen sind in diesem Kontext unverzichtbar. Als Augenzeuge von Vandalismus, Sachbeschädigung, Selbstmord und Mord übernimmt die Leitfigur eine neutrale Position. Sein Einbruch in fremde Leben und Häuser ist eine Straftat. In dem Teufelskreis aus Serotonin, Antidepressivum und Testosteron sind die Frauen seines Lebens eingefroren in der Gegenwart, wenn er sie besucht oder an sie denkt. Wie Exponate hinter Glas.

Es wäre voreilig abzustreiten, dass die Ironie den detailverliebten Text beflügelt. Mit einem sardonischen Lächeln beendet der Roman die Fahrt durch seine Denkgebiete im platonischen Liebes-(N)irgendwo.

Ort der Handlung:

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